Nun waren sie auf weicherem Boden, das Rädergerassel hatte aufgehört, das Dorf lag ihnen im Rücken; in großen Kehren schlängelte sich die Chaussee zwischen mächtigen Tannen und Mattengrün hinab zur Au. Noch verdeckten die Riesentannen den ragenden Schornstein der Schmölderschen Fabrik. Schroff, scheinbar noch von keinem Fuß betreten, reckten Felsklippen ihre grauen Fratzen vom Waldhang jenseits; silbern, in Sprüngen und Sprüngchen, plätschernd, murmelnd, glucksend hüpfte ein Forellenbach zu Tal. Die Landschaft war wild und doch lieblich, aber keiner der Herren im Wagen hatte heute ein Auge dafür.

Selbst Abeking nicht; wenn er auch nicht schlief, wie der Stabsarzt, und gelangweilt gähnte, wie Schmidt und Scheffler, die eine Zigarette nach der andern ansteckten. Er überlegte, wie er es anfangen sollte, mit der schönen Helene einmal allein zusammen zu sein. Ob er’s versuchte, die andern zu überdauern? Aber wie kam er dann wieder herauf, ins Lager zurück? Nun, so schlimm würde das nicht sein, zu Fuß einfach. Er verkrümelte sich eben ein bißchen, ließ sich nicht eher finden, als bis die anderen abgefahren waren – um Eins spätestens hatte Scheffler dem Wirt versprochen, ständen seine Gäule wieder im Stall – nun, und wenn sie dann alle glücklich weg waren, dann – dann –! Er hatte sie ja ewig nicht unter vier Augen gesprochen; seit dem Tode ihres Mannes überhaupt noch nicht. Er hatte ihr einen Kondolenzbrief geschrieben, ein schweres Stück Arbeit – kondolieren konnte man ihr ja eigentlich nicht, es war doch eine Erlösung für sie, daß sie den Säufer losgeworden war – aber sie hatte ihm nicht darauf geantwortet. Hatte er sie etwa beleidigt dadurch? Sie war doch sonst stets für Offenheit, eine ehrliche Natur, die sich gab, wie sie war, nicht besser, nicht schlechter. Das imponierte ihm ja gerade so.

Ein Husten Schefflers und ein Schimpfen von Schmidt schreckten ihn aus seinen Gedanken auf; auch der Stabsarzt fluchte. Sie waren in eine Wolke von Staub geraten; wie graues Mehl flog er, von Rädern und Hufen aufgewirbelt. Hier mußte die reine Völkerwanderung gewesen sein. Und nun kam auch noch ein Tuten den Berg herab. Wie ein Ungetüm sauste ein belgisches Automobil hinter ihnen drein, kaum daß der Bauernbursche auf dem Bock noch zur Seite lenken konnte. An den entsetzten Pferden flog es vorbei im Hui. Unwillkürlich waren die Herren im Wagen aufgesprungen: das fehlte auch noch, ein Auto! Und natürlich auch zur Helene – verdammt! Sie schimpften laut hinter dem Automobil drein, das längst nicht mehr zu sehen war, ihnen nur einen pestilenzialischen Benzingestank hinterlassen hatte.

»So fahren Sie doch, Kerl, fahren Sie zu in drei Teufels Namen!« brüllte der Adjutant den Kutscher an.

Der Wallone antwortete nicht, er tat, als verstände er kein Deutsch; ganz gemächlich setzte er sich wieder in Fahrt. Lange nach dem Automobilisten kamen sie im Städtchen an.

Im Weißen Schwan war es sehr lebhaft. Die tiefen Fenster des Speisesaals standen geöffnet, die Gardinen blähten sich im Zugwind; Tür und Fenster gegeneinander auf, denn es war drinnen voll und heiß. Es hatten schon welche zu Mittag gegessen und waren jetzt, zwischen Mokka und Maibowle, beim Skat; andere wollten noch dinieren, viele bestellten schon Abendbrot. Und zu trinken, alle zu trinken.

Ein Aushilfskellner im schmierigen schwarzen Jackett und der Hausknecht mit groben Fäusten rannten gehetzt hin und her. Jean, das Faktotum, das jeden Gast kannte, empfing mit vertraulichem Nicken die Wünsche der Kunden.

»Unverschämter Kerl!« murmelte Scheffler, als der Kellner die Achseln zuckte: »Bedaure sehr, Herr Oberleutnant, hier ist alles besetzt,« zugleich aber mit bedeutungsvollem Augenzwinkern auf ein verstecktes Türchen neben dem Büfett wies.

»Dreister Halunke!«

»Wie der Herr, so’s Gescherr,« sagte der Stabsarzt. Aber sie stapelten doch durch das versteckte Türchen in einen engen und dunklen Gang und durch diesen auf das heimliche Zimmer los.