Es war nicht leer, wie sie dies Privatgemach der schönen Helene zu finden erwartet hatten. Der kleine Sofatisch war in die Mitte gerückt, sechs Einjährige zwängten sich darum. Und zwischen ihnen, dicht Schulter an Schulter, die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, die schöne Helene. Eine Riesenbowle stand auf dem Tisch, der Sektkühler auf dem Boden – aha, die mußten es sich hier ja schon recht wohl haben sein lassen!

Vor dem musternden Blicke der Offiziere sprangen die sechs auf wie ein Mann. Hand an der Hosennaht, den Hals steif wie in Eisen, standen sie so stramm, wie sie nur konnten. Ihre vom Wein geröteten Gesichter wurden jetzt noch röter.

Der Adjutant winkte ab, aber er tat es mit geheimer Wut: grüne Jungens, wie konnten die sich unterstehen, sich hier so breit zu machen! Ein zorniger Blick streifte die Wirtin.

Helene saß auf ihrem Stuhl und lachte, lachte, daß sie sich schüttelte. Der Schreck von den armen Jungens! Haha, das war zum Totlachen, das war ein Spaß! »Hahahaha!« Sie konnte gar nicht aufhören mit Lachen. Keine Spur von Verlegenheit zeigte sie; Schefflers zornigen Blick mit einem ganz harmlosen erwidernd sprang sie jetzt auf und auf die Neugekommenen zu: »Tag zusammen, Tag, Tag!« Dann machte sie den Einjährigen einen Knix und zeigte ihnen lachend ihre weißen Zähne: »Adjüs, meine Herren!« Ihnen den Rücken kehrend und die Zungenspitze zwischen den Zähnen vorstreckend, sagte sie dann ziemlich laut: »Jott sei Dank, die Jüngeskens wurden mir als langweilig. No, Kinder, nu kommt!«

Die Tür mit dem Fuß aufstoßend und ihre Freunde vor sich hinausschiebend, schwatzte sie: »Laßt mir aber die armen Jüngeskens in Frieden, die wollten sich auch emal ’ne jute Tag machen. No, Herr von Scheffler, sind Sie bös mit mir, Sie kucken mich heut ja jar nit an?« Sie wollte sich an ihn heranmachen.

Er raunte verlegen und ärgerlich: »Ruhig doch! Du bist ja schon beschwipst!« Und laut sagte er: »Gehen wir lieber, meine Herren, hier ist ja kein Platz. Sehen wir zu, wo anders unterzukommen!«

Das wollte Helene nun um keinen Preis zugeben. Ehe sie ihre Herren gehen ließ, schmiß sie lieber die Einjährigen, die dummen Jungens, heraus, so leid es ihr auch um die tat, und so gut die auch verzehrt hatten. Ihre Herren Offiziere ließ sie nicht: »Nee, nee, nee!« Fast weinend verstellte sie ihnen den Weg.

Abeking fühlte den Ärger hinschmelzen, den er empfunden hatte, als er sie so intim mit den Einjährigen hatte sitzen sehen. Aber Scheffler und Schmidt blieben hart, bis der Stabsarzt einen Vergleich vorschlug: »Die Helene hat in unsere Stube Fremde reingelassen, Einjährige noch dazu, zur Strafe darf die Helene sich heut an keinen anderen mehr kehren, sie muß sich verpflichten dazu. Bei uns sitzen bleiben muß sie, ’nen Schwank aus ihrem Leben erzählen – was, Helenchen, das paßt Ihnen so? Und trinken soll sie mit uns, ’ne Pulle Sekt trinken, was?«

»Och, warum denn nit? Jern!« Die hübsche Frau lachte hell auf. Sie blitzte mit ihren kecken Augen ihren einstmaligen Verehrer zärtlich an: »Wahrhaftigens Jott, der dicke Stabsarzt is doch noch der allernettste, jar nich jleich so krabitzig wie jewisse andere Leut!« Sie machte ein Mäulchen.

Der junge Leutnant hätte ihr am liebsten einen Kuß darauf gedrückt – so lange hatte er keine weichen Lippen unter den seinen gefühlt. Nervös zwirbelte er an seinem schüchternen Schnurrbärtchen, sein hübsches Gesicht wurde knabenhaft rot.