Scheffler und Schmidt aber waren gewiegte Diplomaten, so leicht ließen sie sich nicht herumkriegen, da mußte die Helene erst noch ganz andere Seiten aufziehen.
Es war ein langes Parlamentieren auf dem engen, fensterlosen Gängelchen zwischen Privatgemach und Eßsaal. Keiner konnte den anderen recht sehen. Aber Abeking glaubte zu fühlen, daß Helene sich dichter an ihn drückte, als suche sie bei ihm den nötigen Beistand. Verstohlen legte er den Arm hinter sie und legte ihn leicht um ihre Taille; da trat sie ihm bedeutungsvoll auf den Fuß. Der ganze enge Gang war voll von ihrer Wärme, ihre Röcke raschelten, ihr gekraustes Haar kitzelte ihn unter der Nase.
»Na, denn man los,« sagte Scheffler und stieß die Tür nach dem Eßsaal auf. »Blödsinnige Luft hier in dem engen Loch!«
Abeking fand das gar nicht.
Aber wo sollten sie nun Platz nehmen? Helene schlug den Tisch draußen an der Haustür vor, der war noch frei, aber Scheffler sagte ziemlich unverblümt: »Verrückt! Ich werde mich doch nicht mit d..« das ›dir‹ unterdrückte er noch rechtzeitig, räusperte sich und verbesserte: »mit meinem Wein auf die offene Gasse setzen!«
Helene hatte wohl gemerkt, was er eigentlich hatte sagen wollen, sie bekam einen roten Kopf, aber sie zeigte keinerlei Empfindlichkeit. Sie rief den Hausknecht, und er mußte die großen Efeuwände herbeischleppen, die, in Ermangelung eines Gartens, mit ihrem verstaubten Grün die Wände eines winzigen dumpfen Höfchens maskierten. Jetzt wurden sie vor dem Tisch auf der Gasse ausgestellt, man saß dahinter wie in einer versteckten Laube. Und sogleich war die nötige Stimmung hergestellt.
Der übelgelaunte Scheffler ließ seine Mißstimmung fahren. Schmidt erzählte Anekdoten aus seiner Vaterstadt Köln, nicht gerade salonfähige, aber höchst scherzhafte. Der Stabsarzt, ein Pommer, blieb an Derbheit nicht zurück; es waren gepfefferte Geschichten. Der kleine Leutnant verwunderte sich eigentlich, daß Helene darüber so lachen konnte. Nun, sie war eben noch recht naiv, verstand er doch sogar die Pointen nicht einmal alle.
Um die hochgegiebelten alten Schieferdächer mit ihren vorgebauten Bodenluken, zu denen einst der überall auch jetzt noch vorhandene Krahnen die Warenballen aufgehißt hatte, fingen die Fledermäuse an zu flattern. Sie hatten hier Schlupfwinkel genug. Lauter schien der Fluß in seinem engen Bett, eingepreßt zwischen Fels und Häuserzeile, dahinzugrollen. Oben auf der Kirchhofsley lag noch Sonnenglanz, man sah die Kreuze der Gräber scharf-umrissen in den Aether ragen; hier unten in der Gasse vor der Wirtshaustür war es schon ganz dämmerig. Das helle Gesicht der Frau über dem schwarzen Trauerkleid schimmerte nur mehr wie ein weißer Fleck.
Den jungen Offizier fröstelte es plötzlich wie damals, als er hier zum Begräbnis gewesen war – sterben, ah, schrecklich! Ob denn keiner an den einstmaligen Wirt mehr dachte? Der lag nun dort oben, und seine Frau lachte hier unten. Noch nicht viel länger als ein Vierteljahr war’s her – wie rasch man vergessen wird! Er dehnte sich mit einem Seufzer, lehnte im Stuhl hintenüber und starrte in die Höhe, am hohen Giebel des Schwan, um den wie unruhige Gedanken im Zickzackflug fortwährend dunkle Fledermäuse flatterten, empor, und weiter hinauf in den dunstigen Abendhimmel. Der Abendstern zeigte sich im Gewölk, aber er rutschte fort, hinter das alte Burggemäuer. Kein Stern stand über diesem Haus.
»Sind Sie müd, Herr Leutnant?« Helene legte ihm die Hand auf den Arm.