Der Stabsarzt und Schmidt spöttelten hinter ihm drein: der ging auf Freiersfüßen! Na, der Schwiegervater in spe würde auch keine besondere Freude haben, wenn er mit dem roten Kopf ankam! Und so spät war’s, acht Uhr fast! Aber freilich, hier brauchte man’s nicht so genau zu nehmen – Entfernung, Dienst, Überbürdung selbst am Sonntag – es ließen sich so viel Entschuldigungen finden. Die Leutchen freuten sich am Ende immer noch, wenn der schöne Adjutant von Scheffler erschien!
»No,« sagte Helene und warf die Lippen auf, »dat weiß ich doch noch nit so jenau. Der Heinrich Schmölder is lang nit so dumm, als wie ihr denkt. Helau!« sie legte den Daumen auf die Nase und spreizte die übrigen Finger der Hand. »Der weiß janz jenau, dat et auf sein Portemonnaie abjesehen is! Der Ladewig, der Ladewig –« sie fing plötzlich an zu singen – »de hat dat jrößte Portemonnaie!«
Keiner machte »sst!« Nun Scheffler fort war, nahmen sie gar keine Rücksicht mehr; die Helene hatte sowieso schon einen Spitz, und dann war sie am alleramüsantesten. Bald war die dritte Flasche Sekt geleert. Nun trank man Bowle.
Währenddes saß der Adjutant bei Schmölders. Die Familie hatte sich eben zum Abendbrot setzen wollen, er wurde eingeladen, mitzuspeisen. Es gab Rehbraten; Herr Schmölder hatte das Reh selber geschossen, er war ein großer Nimrod. Oben der Waldbestand um die Fangeuse war sein eigenes Revier, leider nur ein zu kleines; er hätte gern alles andre drum herum noch dazu gepachtet. Aber ein Teil des Forstes gehörte dem Fiskus, der andere der Gemeinde Heckenbroich, und mit den Kerls war ja nichts zu machen, die forderten ja jetzt eine Pacht – eine Pacht! Schmölder zitterte vor Ärger, als er dem Offizier von den habgierigen Bauern erzählte.
»Und da is der Leykuhlen dran schuld, niemand anders als der – für ein Butterbrot hat sie mein Vater früher jehabt – aber der, der möchte Jott weiß wieviel Jeld zusammenschrappen für seine Jemeinde! Nur um die Schulden zu bezahlen, die sie haben von dem verfl..... Kirchenbau her!«
»Aber Schmölder!« Ganz erschrocken starrte ihn seine Frau an; es war ihr schrecklich, daß ihr Mann so sprach.
»No ja, ja,« – er lenkte ein, als er das entsetzte Gesicht seiner Frau und die flehenden Blicke seiner Tochter sah – »na, was ich sagen wollte! No, ja, seit die Bauern oben die Riesenkirche jebaut und sich deswegen Schulden auf den Hals jeladen haben, soll ich der dumme Peter sein, der sich von ihnen über den Löffel barbieren läßt. Aber ich biet nit mit bei der Jagdversteigerung – sie werden ja sehen, wie sie sitzen bleiben!«
»Das ist aber doch schade, zu schade, um die famose Jagd!« Herr von Scheffler bedauerte lebhaft. Er hatte es sich schon so fein ausgedacht, mit dem Schwiegervater auf diesem großartigen Terrain zu jagen. Betroffen sah er auf seinen Teller nieder: das war entschieden eine Lockung weniger. Aber dann dankte er mit verbindlichem Lächeln der Frau des Hauses, die ihm noch einmal Rehbraten anbot: »Danke sehr, gnädigste Frau – o nein, ich esse gar nicht wenig, aber bei der Hetzerei oben gewöhnt man sich eben das Essen ein wenig ab. Man hat ja nie Zeit!«
»Haben Sie denn soviel zu tun, Herr Oberleutnant?« fragte errötend Hedwig. Sie errötete heute in einem fort. Ohne jeden Grund, wie Josef feststellte. Sonst mochte er die junge Nichte gern, sie hatte sich mit offener Zuneigung ihm angeschlossen, aber heute gefiel sie ihm nicht. Wie konnte ein Mädel wie Hedwig, das mal gewiß seine drei, vier Millionen kriegte und vor allem ein gutes, hübsches Kind war, gleich so den Kopf verlieren, wenn eine bunte Jacke mit aufgewichstem Schnurrbärtchen auf der Bildfläche erschien?! Das war doch zu dumm! Er nahm sich vor, ihr einmal ins Gewissen zu reden. Aber vorderhand war nichts zu machen.
Wenn auch beide Vettern Schmölder mit ziemlich verdrossenen Mienen die brillante Unterhaltung des Leutnants über sich ergehen ließen – er sprach von Bällen, von Ritten, von Vorgesetzten, von Kameraden, von Pferden, von Avancement – die Tochter errötete, lächelte und strahlte. Und auch die Mutter schien lebhaftes Wohlgefallen an dem hübschen Offizier zu finden: das war doch kein oberflächlicher grüner Junge mehr, das war ein ernsthafter, tüchtiger, liebenswürdiger Mensch, aus gutem Hause, und trotz seines Adels strebsam und solide gesinnt!