Scheffler empfahl sich bald nach dem Abendbrot. Er bedauerte unendlich, aber er mußte fort: morgen in aller Frühe schon Dienst, er hatte nur nicht versäumen wollen, in der ihm so knapp bemessenen Zeit den Damen wenigstens seine Aufwartung zu machen. Mutter und Tochter gaben ihm das Geleit bis zur Gartentür.
Der Vater war abgerufen worden; der Verwalter oben von der Fangeuse war da, er hatte den Herrn Schmölder dringend zu sprechen verlangt.
Josef war hinter den Damen hergeschlendert. Kein Mensch kümmerte sich um ihn; er kam sich überzählig vor.
Am Himmel, den man hier nur wie in einem Ausschnitt sah zwischen Tannen, Felsen und alten Giebeln, flimmerten jetzt die Sterne. Dies reich bestickte Tuch würde sonst sein Auge entzückt haben, heute sah er es nicht an. Der Garten, der im Schutze der Felswand, die jeden Mittagssonnenstrahl auffing, grünte und blühte und duftete in fast südlicher Fülle, war eine Oase mitten im herben Eifelland; aber heute steckte Josef seine Nase nicht in die üppigen Fliederbüsche. Den roten Piruszweig, der sich über den Weg streckte, stieß er unsanft beiseite. Er war verdrießlich, unangenehm von allem berührt; so tödlich gelangweilt vom Geschwätz am Abendtisch, daß er am liebsten auf und davon gelaufen wäre. Aber wohin? Kein Geld, keine Stellung, kein Platz, der sein eigen war – es war zum Verzweifeln. Und das Geschwätz ging an der Gartentür noch immer fort! Zornige Ungeduld übermannte ihn. Es war ein Aufbäumen in ihm gegen die Enge, gegen die Kleinlichkeit, und doch fühlte er’s mit heftiger Schmerzlichkeit: nie, nie kam er wieder hier heraus! Hier wurde er festgehalten durch eigene Schuld, hier war er begraben mit Haut und Haar, mit allem, was in ihm war an höherem Flug, und er selber hatte sich die Grube gegraben. Drin liegen bleiben mußte er nun, verrotten bei lebendigem Leibe. Dieses verdammte Geschwätz!
Des Leutnants Rede ergoß sich. Cousine Schmölder sagte nur zuweilen: »ah« und »oh« und »wie nett!«, und das kleine Mädchen lachte glückselig-verlegen dazu.
Josef drehte kurz um und ging ins Haus zurück. Lieber den Garten missen, als sich so die Laune verderben lassen! Pfeifend, die Hände in den Taschen seines braunen Sommerjacketts, schlenderte er ins Wohnzimmer.
Da saß Heinrich auf dem Sofa in seiner alten grünen Tuchjoppe, und der Mann von der Fangeuse stand vor ihm und drehte verlegen seinen Hut in den Händen.
»Also, kurz, warum kündigt Ihr mir?« sagte Schmölder knapp. »Macht nit so viel Worte – also warum?«
»Herr Schmölder, Ihr müßt entschuldigen, et wird mir schwer, Uech zu kündige, Herr Schmölder. Ich war ooch janz jern oben, ich hatt nühst zu klage. Äwer dat Settche will’t nu absolut nit mieh, et saat, et wär him zu afjeleje do. Un der Schollweg is zu wiet für ose Jung. Im Winter kann hä jo jar nit hinjonn. On zu Ostere kömmt oß Mädche ooch in Scholl. Drei Jahr hammer et do owen usgehaalde, länger als de vürige do is bliewe. Do is keen Dorf on keen Huhs, kee menschliche Seel! Bis Heckenbroich is et so wiet, un jut drei Stund hammer no ’r Kirch. Nit ens Erdäppel könne mer trecke,[6] de Säu wühlen alles up. On de Hirsch kömmt bis in ’ne Jart[7] – Herr Schmölder, Ihr wißt doch noch, dat Ihr selwer eine jeschosse habt aus oser Kammerfenster? Nix för unjut, Herr Schmölder, ich hätt Uech nit jekündigt, äwer dat Settche will absolut nit mieh bliewe. Et saat, wir sind zu wiet von Kirch on Scholl, dat jeht nit mieh, mit dene Köngd!«
»Zum Kuckuck, so laßt se doch nit nach Kirch un Schul jehen,« schrie Schmölder. Er fuhr den Mann an, als habe er was verbrochen. War das eine Art, ihm zu kündigen, einfach weil es dem dummen Weibsbild nicht mehr paßte? Nun ging die Sucherei wieder von neuem los! Einen Menschen mußte er doch da oben im Moorhaus haben, der Obacht gab, sonst fiel die Bude noch über Nacht mal zusammen. Und wenn er zur Jagd heraufkam, im Winter auf Sauen, im Sommer auf Böcke, im Herbst auf Hirsche, da wollte er doch sein Bett gemacht haben, geheizt und den Kaffee gekocht. Die Frau vom Jilles hatte das immer besorgt, auch die Rehleber, mit Tannennadeln gespickt, auf Weidmannsart zu braten verstanden! So genau Heinrich Schmölder sonst mit dem Gelde umging, hier wollte er etwas springen lassen.