»Ich will Euch wat sagen, Jilles,« lenkte er ein, »ich will Euch zulegen, pro Monat zehn Mark, macht auf’t Jahr hundertzwanzig – einhundertundzwanzig Mark! Mann, dat ’s en Wort! Und die Frau soll auf Christtag en anständig Präsent von mir kriegen, und Ihr und der Jung Buckskin zum Anzug. So, un nu is et jut!«

Er schien die Sache für abgemacht zu halten, aber der Mann von der Fangeuse räusperte sich und blieb noch stehen. In hülfloser Verlegenheit zerknüllte er seinen Sonntagshut. Über sein hartes Gesicht zuckten Begehren und Abneigung: einhundertundzwanzig Mark, das war ein Stück Geld! Er sah nieder an seinem ärmlichen Rock und gedachte einer Kuh, die er zu Heckenbroich in einem Stall gesehen hatte und die zum Verkauf stand.

»Herr Schmölder,« sagte er gedrückt, aber nach und nach wurde seine Stimme sicherer, »ich kann nit, wahrhaftigen Jott nit, et jeht nit. Dat Settche kriet dat arm Dier.[8] Nit Kirch, nit Laden, nit Straß, zweimal die Woch nur der Briefdräger, als dann on wann emal ’ne Camis’;[9] sonst keen Mensch! On kömmt ens einer, muß mer de Dür noch verschließe; wir sind eso nah an der Jrenz – en halw Stund bis Belligen – wer weiß, ob et nit einer von denen is!« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter und machte ein verächtliches und zugleich doch verängstetes Gesicht. »Von denen do! Seit die im Venn sin, könne wir nit mieh ruhig schlaafe. Kömmt letzt ’ne Kerl, stößt de Dür up on saat: ›Jude Morje!‹ On ob er en Flasch Bier krieje könnt! Modderselig allein war dat Settche zo Huhs, die kriet ’ne Schrecke. On, Herr Schmölder, de Kerl wollt nit jonn!« Er machte eine Pause und sah erwartungsvoll seinen Herrn an: was würde er nun sagen?!

»Nun – und?« Josef, der, am Büfett lehnend, alles mit angehört hatte, beugte sich interessiert vor. »Nun?!« War das wirklich so ein armer Teufel von Sträfling gewesen, hatte es einer riskiert, auszurücken, der Grenze zuzueilen durch dick und dünn?!

»Et war ’ne Torfstecher, ich kam drüber heem,« sagte der Mann. »Äwer et konnt doch jrad so jut einer von denen do sein, so ’ne Räuber und Mörder. Nee, nee, Herr Schmölder –« ganz energisch schüttelte er den Kopf und ließ all seine Schüchternheit fahren, – »sucht Uech ’ne angere. ’n Awend zosammen!« Er setzte seinen zerknüllten Hut auf und trabte rasch aus dem Zimmer.

Heinrich Schmölder öffnete schon den Mund, ihm noch einmal nachzuschreien, aber dann besann er sich: ein Schmölder bittet doch so einen dummen Kerl nicht?! Wenn der Esel nicht wollte, nahm er sich eben einen anderen Verwalter. Aber selbst für Geld und gute Worte ging keiner so leicht aufs Moor hinauf. »Da haben wir’t,« sagte er grimmig laut und schlug auf den Tisch, daß der Aschbecher stäubte, »mußt uns die verdammte Rejierung auch ihre Verbrecher so auf die Nas’ pflanzen – en Unverschämtheit! Natürlich, wegen der Nachbarschaft bleibt mir der Jilles nit! Un verdenken kann ich et ihm nit emal. Dem Landrat werd ich aber meine Meinung sagen, der soll mir noch kommen mit seiner Kolonisation! Wat fang ich nu an?«

»Heinrich, setz mich doch hin,« sagte Josef rasch. Es war über ihn gekommen wie eine Erleichterung.

»Dich –?!« Schmölder sah den Vetter an, als habe er gesprochen: ›Setz mich auf den Mond!‹ »Laß doch die Dummheiten,« sagte er unwirsch. »Ich mach jetzt nit Spaß, ich bin wirklich in Verlejenheit. Janz leer stehen kann ich die Bude nit lassen, un hin jeht mir so leicht keiner!«

»Heinrich, es ist mein Ernst!« Josef war näher herangetreten und legte ganz entschlossen und kräftig die Hand auf den Tisch. »Setz mich dahin, ich gehe mit Freuden!«

»Och, du bist ja verrückt!« Heinrich sah Josef an und lachte dann unbändig: »Wieder janz de Josef! Immer wat Neues, und dann kein Bestand! Nee, da laß du die Finger von. Die Fangeuse hat et an sich. Schon mein Alter hat seine Not jehabt, un jetzt werden die Leut ja mit Jewalt raffiniert jemacht – da will sich keiner bejraben. Schnee im Winter, zum Ausschaufeln hoch, ewige Stürme; dat braust von der belgischen See her, aus Nordwest, im Winter wie im Sommer fast immer egal. Und im Frühjahr Wasser im Venn fast bis an et Haus, du kannst kahnfahren!« Er lachte noch einmal amüsiert auf, fast vergaß er seinen Ärger darüber. »Du hast jar kein Ahnung, mein Sohn!« Mit einem geringschätzigen Blick maß er des Vetters schlanke, etwas schwächliche Gestalt. »Bist du überhaupt schon mal oben jewesen auf der Fangeuse? Nicht?!« Josef hatte verneint. »No, dann halt’s Maul jefälligst!«