V

Bartholomäus Leykuhlen war im Kampf mit seinen Bauern. Das war wieder einmal eine erregte Gemeinderatssitzung. Sie schrieen alle gegen ihn an. Es war, als seien diese ruhigen, gesetzten, nüchternen Leute plötzlich ein Schwarm von Hornissen geworden, die, durch einen Steinwurf aufgescheucht, den Stachel löcken, bereit, mit Summen und Brummen über den Feind herzufallen.

»Seid Ihr jeck?« sagte gerade der Adams vom Hof am grünen Klee und ließ allen Respekt vorm Herrn Bürgermeister beiseite, »solle mir oß Pötze[10] ongersüke[11] loße, oß jut Wasser?! Oß Äldere, oß Jrußäldere han’t drus jedronke, on nu soll et up eemol nit tauge? Ich loßen et mer net jefalle. Wenn de Kommissiun kömmt, schmissen ich se erus!«

»Dat werdet Ihr nit tun, Baltes,« sagte Leykuhlen ernst. »Dat wär ja noch schöner. Wenn die Kommission kömmt, von der Regierung jeschickt, werden wir sie höflich empfangen. So jehört sich dat!«

»Höflich, höflich?« Der reiche Bauer gab sich nicht drein. »Wat kömmt dann erus dobei? Nix als Kosten on Ärjer. Nit ene Penning jeb ich für minge Pötz us, de is noch lang jut!« Der Zorn und die Angst, vielleicht zu einer Reparatur des Brunnens gezwungen zu werden, raubten ihm seine sonst so kühle Überlegung. »Ihr mit Euren ›Höflichkeiten‹! Ihr solltet lieber nit mit dem Landrat unter einer Deck stecken, Ihr solltet mieh mit oß haalde! Dat han mir nu von Eurer Freundschaft mit dem von Mühlenbrink – nühst als Verdruß. Verdruß on Unkosten. Eso is et!«

Leykuhlen verlor die Fassung noch nicht. »Ihr seid unjerecht,« sprach er ganz ruhig. »Der Landrat is ja mein Freund jar nit – durchaus nit. Wenigstens ich bin nit der seine, ich hab ihn nie jesucht. Aber, ich muß Euch die Verordnung bekannt jeben, et is mein Pflicht. Wat ich dabei denk, tut nix zur Sach. Ich hab et Euch vorjelesen, dat bald nach nächstem Ersten en Kommission kommen wird, die dat Wasser sämtlicher Brunnen im Dorf, auf jedem Jrundstück, einer jenauen Inspektion unterzieht. Man befürchtet Typhus. Wir wohnen im Venn, et sind en Meng Truppen auf dem Platz, die Jefahr liegt nah. Aber sie werden sich ja bald davon überzeujen, dat unser Wasser rein Quellwasser is. Laßt se doch ruhig nachsehen, wat schad’t Euch dat?!«

»Nee, nee, nee!« Der Baltes schlug sich auf die Knie, daß der Staub aus dem dicken Buckskin flog. »Ich jeb et nit zo. Up mingen Hof kömmt mir keen Spürnas’! Dat se mir in mingem Mist erumstochere on noch saane, de Jauch löft in minge Pötz! Dat is immer eso jewäeß: de Brunnen on de Mist. En Meil kann doch nit dazwischen sin!«

»Dat schadt ooch jar nühst,« bekräftigte ein anderer. Es war der Nachbar des Balthasar Adams, der Bettes Zumstädtchen, auch ein vermöglicher Mann mit stattlicher Hecke. Es trennte den Baltes und den Bettes nur das erbärmliche Anwesen des Webers Huesgen.

Die beiden Nachbarn wechselten Blicke. »Wat maache mir dann, Herr Burjermeester,« sagte der Bettes schlau, »wenn se nu saane: dat Wasser doogt nit! Trinken muß doch der Mensch, he brucht doch dat Wasser!« Er zwinkerte den Adams auffordernd an, ihm zuzustimmen. »Da hätt ihr eben die Kirch nit baue solle, die jruß Kirch! Da hätte mir nu en Wasserleitung, wie de Hähr Landrat saat, on keen Typhusjefohr!«

Ein Murmeln der Zustimmung ließ sich vernehmen. Die zwölf Gemeindeältesten, die seinerzeit nichts anderes gewußt hatten, als eine Kirche zu bauen, die mit ihrem Bürgermeister so einverstanden gewesen waren wie eine Familie mit ihrem Haupt, waren nun anderer Meinung. Nun es an den eigenen Hals ging, machten sie Vorwürfe. Da war auch nicht einer, der seinem Brunnen ganz traute: die Mauerung war schon so alt, die Erde gelockert, wer weiß, ob nicht was durchsickerte!