»Ruhe!« donnerte Leykuhlen. Nun wurde er zornig. »Wart ihr selber dann nit für den Kirchenbau – ja oder nein?«

»Jo, dat ware mir wohl, Hähr Burjermeester, äwer Ihr hatt et doch vürgeschlaane, Ihr seid de Hauptschold dran. Oß ald Kirch wär noch net zo klein gewäß, äwer Ihr on de Hähr Pastur, de Kirchevorstand, Ihr hatt oß de jruß up de Hals jekallt.[12] Nu sitze mir drin, nu hammer Scholde, Jott weiß, wie viel!«

»Sie sind nit so jroß!« Leykuhlen biß sich auf die Lippen, er schaute vor sich nieder, das Herz schlug ihm hart. Ganz so unrecht hatten die Bauern nicht: wenn der Kirchenbau nicht gewesen wäre, die Gemeinde stände ohne Schulden da. Nun aber –?! Das Geld von dem Schießplatz hatte sie freilich noch, aber das war angelegt, auf Zinsen geliehen; es ging nicht so leicht an, das wieder flüssig zu machen.

»Ihr hatt vill zu jruß jebaut,« sagte Zumstädtchen vorwurfsvoll, und die anderen nickten Beifall. »Oß Jeld, oß schien Jeld, alles verpulvert!«

»Nit verpulvert, jut angelegt, am allerbesten!« Leykuhlen fuhr auf. Die Freude, die er damals empfunden hatte, eine hohe und heilige Freude, als ganz Heckenbroich geschmückt und bekränzt gewesen war, als Hunderte aus Dörfern und Höfen herbeigeströmt waren, um das Fest der Einweihung mitzufeiern, diese Freude ließ er sich auch heute noch nicht verkümmern. Die Geistlichen des Orts, die Geistlichen der Nachbargemeinden, der Bischof selber vor dem neuen Altar! Es war der stolzeste Tag von Heckenbroich gewesen. Mochten die Kurzsichtigen schwatzen, was sie wollten! War ihnen nicht das Geld, das viele Geld für den Schießplatz wie vom Himmel in den Schoß gefallen? Ödland war es meist gewesen, gar nichts wert, sie aber hatten Geld, schweres Geld dafür bekommen. War es nun nicht recht und billig, dem Himmel dafür einen Dank zu entrichten? Die Kollekte für den längst geplanten Kirchenbau war wieder einmal rundum gegangen, und siehe da, unerwartet, fast unbegreiflich groß waren die Spenden gewesen. Man hatte angefangen zu bauen in Gottes Namen, im Vertrauen auf seine weitere Hilfe. Und er würde auch von den Schulden abhelfen!

Leykuhlen richtete sich kräftig auf, in seiner ganzen stattlichen Mannhaftigkeit. Und jetzt sollten die Quengler und Quereler schweigen! Mit der ganzen Wucht seiner Stimme donnerte er in die Versammlung hinein, die niedrige Stube war zu eng für den starken Klang: »Wat jeschehen is, is jeschehen, et is nix dran zu ändern. Un et is jut so. Die Kirch steht, Jott sei Dank! Wenn unsere Leiber als lang zu Staub zerfallen sind, wird sie noch stehen. Die überdauert uns all. Die wird aber auch Zeugnis jeben, daß selbst in einer armen Eifeljemeinde hoch oben im Venn Menschen lebten, die ihre kleinlichen Sonder-Interessen unterzuordnen verstanden dem jroßen Wohl!«

Er ließ seine blauen Augen scharf blickend und feurig von Mann zu Mann blitzen. Mochten sie nun nach Hause gehen und sich das bedenken! »Für heut sind wir fertig. Ich erkläre die Sitzung für aufjehoben!« Er schlug den blauen Aktendeckel zu, darin er die Verordnung der Regierung verwahrt hatte, und ging zur Tür. »Adjüs zusammen!«

Ein undeutliches Brummen nur sagte ihm »Adieu«. Sie waren alle wie vor den Kopf geschlagen; teils verdutzt, teils empört. Er kehrte sich nicht daran. Im frohen Gefühl eines Sieges ging er über die Straße. Was scherte es ihn, daß sie brummten, sie würden schon wieder gut werden!

Über der Kirche stand ein goldener Stern, mit Wohlgefallen sah er hinüber. Es war schon spät Abend, der Stern leuchtete hell, mit sicherem Licht, wie eine Verheißung. Eine große Ruhe kam in des Mannes Seele, der ganze Ärger ließ ihn jetzt kühl. Was man für das beste erkannt und getan hat, muß man niemals bereuen. Wenn eine Wasserleitung wirklich so nötig täte, wie der Landrat behauptete und auch der Kreisphysikus, dann konnte die später immer noch gebaut werden, wenn die Gemeinde dazu in der Lage war; jetzt hieß es sparen, erst die Schulden abtragen! Schade, daß die Kirche noch keine Uhr hatte! Er sah wieder hin. Der Platz dafür war schon vorgesehen, aber traurig und häßlich, wie eine Augenhöhle ohne Auge, blickte jetzt die leere Rundung aufs Dorf herab.

Als Leykuhlen hinter seine Hecke trat, sah er noch Lampenschein drinnen in der Stube. War Mariechen noch auf, trotzdem es bald Mitternacht war?