»Komm in die Stub!« Sie zog ihn hinein, wo im Schein der beschirmten Lampe die Altardecke halb fertig auf dem Tische lag, weiß und rein wie Blütenschnee. Er setzte sich auf das Kanapee; sie nahm die Arbeit wieder auf und zog lange Fäden, aber nur für Minuten, dann sanken die Hände in den Schoß.
»Ich kann nit mieh,« flüsterte sie, »et läuft mer alles rund. Bärtes, wat sagste nu« – sie ergriff seine Hand und sah ihn an mit ein wenig unsicheren und doch strahlenden Blicken – »die Huesgen-Annelies hat ene Jeist jesehen!«
»Ene Jeist?« Was redete doch Mariechen für dummes Zeug!
»Ene Jeist is nit richtig,« verbesserte sie sich rasch, »et saat, et hat en Erscheinung jehatt. Och, ich muß et dir verzähle!« Sie war so aufgeregt, daß ihre Stimme zitterte; ein fliegendes Rot bedeckte ihre Wangen. Die Frau war heut eine andere schier.
Wenn es auch kaum zu glauben war und sie anfänglich auch ein wenig hatte lächeln wollen, als die Annelies gelaufen gekommen war – sie unterbrach sich – war das denn nicht schon wie ein Wunder, daß die schwache Frau, die heute schon bis zur Ley gewesen war, daß die leichten Fußes noch bis hierher hatte laufen können, den weiten Weg durchs ganze Dorf?! »Och, Bärtes!« Mariechen faltete die Hände, in einem heiligen Schauer bewegten sich ihre Lippen: »Et saat, et wär en Dam, eso fein, wie us ’m Himmel! Und so freundlich hat sie zum Annelies jesproche, wie dat nit weit von der Marienley – weißte, da, wo die Tannen so dick stehen – up enen Stein saß un am Weinen war. Et war so müd. Et wollt selber de Bittjang tun, ’ne Kranz aufhängen vor der Maria im Stein, den die Kinder jeflochten hatten aus lauter Maiblumen. Aber et konnt nit bis hin kommen, et war sterbensmüd. Da hat die Dam zu ihm jesaat, et soll nit eso krieschen, un wat et denn eijentlich drückt, et soll sich aussprechen. Dat Annelies saat, et hätt auf einmal reden jekonnt wie nie zuvor; un dat wär ihm jewesen wie en Erlösung. Du weißt et doch, Bärtes, die Leut klagen sonst nit!«
»Dat soll wohl sein!« Der Bürgermeister nickte.
Mit glänzenden Augen fuhr die Frau fort: »Et saat, un je mehr et der feinen Dam erzählt hätt, desto leichter wär ihm um’t Herz jeworden. Et hat ihr alles gesaat: wie arm sie sind, nur en einzig Kuh, die jetzt dazu noch so wenig Milch jibt, un eso vill Kinder, un alles is so düer, un bloß een Verdienst. Aber dat wär ja all so schlimm nit, wenn – dat Annelies saat, et hat sich dabei so recht satt jeweint – wenn et nur selber wieder zu Kräften kommen könnt, et wär eso schwach, och, so siehr schwach! Da hat die Dam gesaat: ›Betet Ihr auch recht andächtig?‹ Un hat ’ne Rosekranz aus der Tasch jezogen – ’ne einfache Rosekranz mit ’m Kreuzche dran – un en Bildche ›Heiligste wundertätigste Mutter Gottes von Lourdes‹ un hat der Annelies dat jeschenkt un jesaat: ›Betet mit Euren Kindern alle Abend den Rosenkranz zur heiligsten wundertätigsten Mutter Gottes von Lourdes, dann wird Euch geholfen!‹ Et Annelies saat, et hat jleich jefühlt, et war en Wunder. Et hat sich bekreuzt, un wie et dat Bildche jeküßt hat, da is et eso froh jeworde, eso froh, un hat auf einmal Kraft jespürt in allen Jliedern. Ich hab selber dat Bildche jesehen, Bärtes, klein war et nur, so für in ’t Jebetbuch zu legen, aber ich hab der Huesgen versprochen, ich will et ihr unter Jlas in en Rähmche machen lassen für über ihr Bett. Nit wahr, Bärtes?« Erregt stand sie vor ihm, vom raschen Erzählen ganz atemlos.
»Es wird eine gewesen sein, die auffordern wollt, für nach Lourdes zu pilgern,« sagte er. Aber seine Stimme klang nicht ganz sicher. »Um diese Zeit reisen sie durch et Land, überall herum, um Propaganda zu machen für die Wallfahrt dahin. Et wird unseren Pilgern sehr erleichtert dadurch, janze Züge stellt man zusammen.«
»Nee, och nee!« Sie schüttelte energisch verneinend den Kopf. »Wat redst du doch Bärtes, dat jlaubst du doch selber nit. So eine war dat doch nit!« Ihre Stimme wurde leiser, Sie raunte geheimnisvoll: »Nee, Bärtes, dat muß jemand janz anderes jewesen sein. Als sie vom Annelies nu fortjehen wollt, fiel der plötzlich ein: Jesus, oß Dores! Un sie krieht die Dam noch hinten am Kleid zu packen und schreit hinter ihr her: »Oß Doresche, och, oß Doresche! De hat eso vill de Krämp, de kann nit no’r Scholl jonn, de is wie en janz klein Könd, un dat is dat Schlimmste!« Da dreht sich die Dam noch einmal erum: freundlich gelächelt hätt se, saat de Annelies, un spricht: ›Warum geht Ihr denn nicht nach Echternach springen?‹ Un eh sich dat Annelies dat noch bedenkt, is se ooch schon fort un nit mieh zu sehen!« Mit einem tiefen Aufatmen schwieg Frau Leykuhlen.
»Hm!« Der Mann blickte ernsthaft; von Zweifel war nichts auf seinem Gesicht zu sehen, wohl aber von Rührung. Wer weiß, was die Huesgen sich zurechtphantasiert hatte – aber selig war das Weib doch in seinem Glauben. Das war gewiß! Er nickte seiner Frau zu.