»Die jeht nu sicher nach Echternach,« sagte leise Mariechen. Eine Sehnsucht durchzog ihr Herz. War sie nicht auch wallfahrten gewesen, damals, als sie noch hoffte? Da hatte sie Jahr um Jahr fast die Prozession mitgemacht, nach Heimbach und nach Mariawald, dem Trappistenkloster im Kermeter. Wie die anderen, jeder in seiner besonderen Angelegenheit, war auch sie gegangen durch den Staub der Pilgerstraße, hügelauf, hügelab, hatte laut im Chor und noch inbrünstiger heimlich bei sich gebetet. Ihre Bitte hatte nicht die Gewährung gefunden. Die Heiligen allein wußten, warum sie ihr Geschenk gleich wieder fortgenommen hatten. Aber Mariawald kam ja auch längst nicht an gegen Echternach. Was für Frankreich Lourdes, das war für die Deutschen Echternach. Aus hiesiger Gegend war schon manch einer dort gewesen und hatte die große Entfernung ins Luxemburgische nicht gescheut. Jetzt gingen auch Pilgerzüge dorthin, man brauchte den weiten Weg nicht mehr zu Fuß zu machen wie früher. Ach ja – die in die Mondnacht Hinausträumende seufzte auf einmal tief auf – die Mutter würde ihr Doreschen zu Echternach schon gesund kriegen! Das Kind, das ihr am meisten am Herzen lag, weil es ein unglückliches war.
Bürgermeister und Bürgermeisterin blieben stumm. Als ob er die Gedanken, die die Seele seiner Frau bewegten, heute wie damals in erster Ehezeit, geahnt hätte, legte er den Arm fest um ihre Schulter und zog sie näher zu sich heran.
Es war ein heiliges Schweigen in der Mondnacht. Stiller konnte kein Dorf sein und stiller auch keine Menschen. Traumhaft wob das Mondlicht um Hecken und Giebel; wo ein Stückchen weiße Hauswand hervorlugte, glänzte sie, und die breite Dorfstraße blinkte wie Schnee. Alle Fenster waren dunkel, alle Leute lagen und schliefen. Die Samstagnacht kündigte den Sonntag an. Ein Sabbatrot war auf Höhen und Tiefen, ein andächtiger Frieden über Häusern und Hecken. Wächtern gleich standen die Hainbuchen, heute nicht zerzaust und zerschüttelt und die schlanken Stämme gebeugt unterm sausenden Vennwind; es war eine windstille Nacht. Kein lauter Atem. Glatt, wie Säulen aus Marmor, ragten die schlanken Schäfte der Bäume, ihre Schöpfe hingen ruhig herab wie sanft geglättetes Haar. Um das große Missionskreuz, nah der Kirche, standen, weiß beschienen, friedlich die Kreuze und Kreuzchen des Kirchhofs; dort schliefen die Toten des Dorfes in ihren geweihten Gräbern ruhig dem jüngsten Gericht entgegen. Hier war der Tod wie ein Schlaf, der Kirchhof nur eine Beruhigung mehr im stillen Dorfe.
Plötzlich schreckten Mann und Frau zusammen: ein Lärmen kam die Straße herauf, ein Rasseln und Rollen, ein Poltern und Trappeln, das doppelt laut wirkte in der todstillen Nacht. Von der Chaussee her jagte ein Wagen. Nun kam’s übers Pflaster mit Geknall und Gejohle. Zwei auf dem Bock, die Kutsche gerappelt voll, so voll, daß noch je einer lag und die Beine zum Wagenschlag heraushängte.
So fest schliefen die Bauern von Heckenbroich denn doch nicht, daß sie das nicht gehört hätten. Überall, wo die Kutsche vorbeirasselte, fuhr rasch ein Kopf aus dem Fenster. Das waren die Offiziere! Von der Stadt herauf kamen sie.
Wie wachsame Augen brannten die Laternen rechts und links vom Bock des Wagens, die drinnen saßen, konnten ja selber nichts mehr sehen; auch der Soldat, der kutschierte, war nicht sicher mehr. Die Wirtin vom Weißen Schwan hatte ein Herz auch für Burschen; während die Herren im Speisesaal tranken, wurde der Kutscher in die Küche gelassen.
Leykuhlen schlug sein Fenster zu: so lange würde das noch gehen, bis sie einmal gehörig umschmissen oder sich festfuhren im Sumpf. Wenn sie doch wenigstens still wären, das war ja ein wüstes Gegröhle!
Lange noch hörte das lauschende Dorf die weinrauhen Stimmen und Gesang, Gelächter, Gejohle zwischen Rädergerappel und Hufegeklapper.
»Wat ich dir noch sagen wollt,« sprach die Bürgermeisterin am anderen Morgen zu ihrem Mann, als sie miteinander in der Küche den Kaffee tranken, »de Josef kam darum erauf, weil er dich fragen wollt, ob du nit en Magd für ihn wüßt? Ich bin et jestern janz verjessen. Er will en Magd haben, für auf die Fangeuse wohnen zu jehn, Bärtes!« Man merkte ihrem Ton an, daß sie dachte: welch ein Unsinn, auf der Fangeuse wohnen zu wollen!