»Och, deins!« Sie fuhr ihm mit beiden Händen auf den ein wenig strubbligen Kopf. »Du bist ja noch akkurat so, als ob du noch schwarz wärst!« – – – – – – – –

Es war ein heller Morgen. Kein Morgen freilich, wie er am ersten Juni in anderen Dörfern zu sein pflegt. Hier schoß noch keine Saat in die Halme und neigte und wiegte sich in einem Wind, der schon Sommerwärme in sich hatte. In der Rheinebene hatten die Obstalleen längst abgeblüht, zwischen dem dunkelnden Sommerlaub kündeten schon kleine Früchtchen die künftige Ernte; aber zu Heckenbroich waren eben erst die Hecken grün geworden. Die Hecke vor Huesgens armseligem Haus zeigte sogar noch viel braunes und dürres Winterlaub; nur wo die Sonne so recht ankommen konnte, grünten schwächliche Sprießer.

Heute brauchte Weber Huesgen nicht in die Fabrik zu gehen. Gestern abend war er mit dem letzten Arbeiterzug von Aachen gekommen, staubig, verwahrlost und verdrossen dazu. Das war doch ein schweres Leben! Nun, da er anfing, seine Jahre zu fühlen, wurde ihm die Woche oft sauer. Immer arbeiten, und kein Familienleben dazu; mit den ledigen Kerlen in der Herberge umherliegen. Und wenn man einmal die Woche nach Hause kam, dann zu allem noch eine kranke Frau! Nun hatte er auch gar kein Pläsier mehr.

Spät am Abend noch hatte sich Huesgen scheren lassen – die blaugrauen Stoppeln überwucherten ihm das Gesicht wie ein Gestrüpp – dann hatte Kathrinchen den Zober herbeigeschleppt, ihm die Füße zu waschen, und Bäreb hatte sich gleich an des Vaters Sachen gemacht, um sie zu flicken. Die Frau aber saß bei ihrem Ehemann auf dem Bettrand, den schlafenden Säugling an der Brust, und hielt seine schwielige Hand in der ihren. Sie hatte ihm ja so viel, so viel zu erzählen.

Unter ihrem Wunderglauben hatte sich sein gesunkener Mut aufgerichtet wie ein schnell-wachsender Baum. Er ließ Müdigkeit und Verdrossenheit fahren und wurde so vergnügt, als hätte er einen Schoppen getrunken. Oh, und die Frau war ja soviel besser als letzten Samstag! Ordentlich Rot hatte sie auf den Backen, sie war wie verjüngt. Er hatte kräftig geschmaust. Sie hatte ihm Eier mit Speck gebraten, und sie, die vorher nichts hatte essen mögen, teilte heut mit ihm; die Kinder, die großäugig zusahen, bekamen vom Vater auch eins nach dem andern einen Happen Brot, in Fett getunkt, in den Mund gesteckt, der gierig zuschnappte. Weber Huesgen lachte darüber und klopfte ihnen die Köpfe: hübsche Kinder doch alle, staatse Kinder! Und mit dem Dores würde sich das ja nun auch bald bessern! Väterlich betrachtete er auch den schlummernden Säugling; die Frau mußte den auswickeln und ihm zeigen, wie stark er gebaut war. Nein, es waren der Kinder nicht zu viele, die waren ein Geschenk von Gott im Himmel!

Draußen zog der Mond friedlich seine Bahn. Hier am Ende des Dorfes kam kein Lärm vorüber; still, ganz still war’s und traulich. Es ward eine glückliche Nacht unter dem armen Dach. –

Nun aber läuteten die Glocken. Weber Huesgen ging mit seiner Frau zum ersten Mal zum Hochamt. Jetzt traute sie sich das schon.

In einer ununterbrochenen Reihe, zu zweien und zu dreien strebten die Dörfler zur Kirche hin. Viele hatten einen weiten Weg, denn oft, wo man’s gar nicht mehr vermutete, lag noch ein Häuschen hinter seiner hohen Hecke versteckt.

Auch die vom Venn waren heute gekommen, sie wurden heruntergetrieben zu zweien und zweien. Simon Bräuer hatte sie gut im Zug. Los und ledig gingen sie, wie andere Leute auch; aber wenn sie auch nicht gebunden waren, sie gingen doch wie gefesselt, die Köpfe gesenkt, die Blicke zu Boden geschlagen. Trapp, trapp. Harte Tritte hatten sie in grobgenagelten Schuhen. Sie waren heute im Sonntagsstaat, in reingewaschenen Kitteln und dunklen Mützen; ganz ordentlich sahen sie aus. Aber mißbilligende Blicke streiften dennoch die Kolonne; es blieb ein großer Abstand zwischen ihr und der übrigen Schar der Kirchgänger. Die Frauen guckten scheu; sie eilten sich noch mehr, daß sie in die Kirche kamen.

Wie ein Beet von bunten Tulipanen prangten dicht gefüllt die Bänke der Weiber. Sie hatten alle ihre besten Kopftücher um – rot und gelb, grün und violett, blau und orangefarben – Wolle mit Seide durchschossen in großblumigen Mustern.