Von ihrem Platz sah die Frau Bürgermeisterin nach jenen Bänken hin. Sieh da, mitten zwischen frischeren und gesünderen Gesichtern das blasse der Huesgen! Ah, das war recht, daß die heut nicht fehlte, die hatte ja zwiefach Grund, hier zu knieen! –

»In nomine patris et filii et spiritus sancti!

Amen!«

In tiefer Andacht neigte sich die Gemeinde. Der Pastor, trotz seiner Siebenzig noch im Amt, hielt das Staffelgebet. Und Confiteor und Introitus folgten. Die hohe Wölbung verschluckte die lateinischen Worte; die hohle Stimme des greisen Priesters am Altar und die näselnde des ihm antwortenden Dieners vom Chor gaben ein immerwährendes Echo. Man konnte nicht viel verstehen. Aber der Weihrauch duftete, die Chorknaben knieten, die ewige Lampe ergoß blutrot dämmernden Schein auf den Leib des Erlösers, der lebensgroß, in natürlichen Farben angemalt, der Gottesmutter im Schoße ruhte.

Das Sonnenlicht war draußen geblieben; durch die bunten Scheiben brach nur ein einziger Strahl herein. Wie eine goldene Leiter, auf der Millionen von flimmernden Sternchen auf und nieder tanzten, leitete er hin zur Monstranz, die auf dem weißgedeckten Altar erstrahlte.

»Gloria in excelsis Deo!«

Kein Räuspern war mehr hörbar, kein Scharren mit den Füßen. Alles lag auf den Knieen. Das war wie ein reifes Ährenfeld, das lautlos fällt in dichten Schwaden.

Trotz der kellerigen Kühle des hohen Gewölbes ward es schwül. Hunderte schwitzten in emsiger Andacht; Männer und Weiber und Kinder dazu. Das ganze Dorf war hier versammelt; nur die Gichtbrüchigen fehlten, und die Uralten, die nicht mehr vom Bette auf konnten, die Wöchnerinnen und die ganz kleinen Kinder. Es roch nach Seife, nach der Pomade der glattgestrählten Köpfe, nach den Sonntagskleidern, die man nur einmal vorholte in acht Tagen aus dem alten wurmstichigen, nie gelüfteten Schrank, der das Beste verwahrte; nach der Tünche der Wände, deren neuer Bewurf noch nicht völlig getrocknet war in diesem Frühjahr. Die Luft wurde dick, die Gesichter wurden rot, die Füße eiskalt. Ein heiliges Schauern zog durch die Seelen, ein Frösteln durch Mark und Bein.

»Dominus vobiscum!«

Der Greis am Altar kehrte sich gegen seine Gemeinde, er breitete die Hände aus und schloß sie wieder.