War Gott nahe?!

Ein Seufzer ertönte aus den Bänken der Frauen. Trotz der Andacht drehten alle die bunt-verhangenen Häupter sich um. Wer seufzte da? Fast klang’s wie ein Stöhnen. Unwillige Blicke bohrten sich in das noch blasser werdende Gesicht der Huesgen-Annelies. War’s nicht besser, sie ging aus der Kirche, ehe sie schwach wurde? Flüsternd neigte sich die Nachbarin zu ihr, aber Annelies schüttelte den Kopf: nein, ihr war nur auf einmal so kalt geworden, ihr war schon wieder wohl! Sich einen Augenblick hinsetzend, um sich zu erholen, und dann doch gleich wieder niederknieend auf das schmale Bänkchen, betete sie eifrig im Oremus.

Die Epistel ging vorüber, nun das Credo; jetzt kam bald die Opferung. Die Huesgen hatte heute noch nichts genossen. Brot und Wein waren ja da auf dem Tische des Herrn. Nun opferte der Priester die Hostie, nun vermischte er Wein und Wasser, nun wendete er sich zu allen und doch zu jedem einzelnen:

»Sursum corda!«

Und die Gemeinde antwortete murmelnd:

»Habemus ad dominum!«

Unruhig blickte die Huesgen um sich; vor ihren Augen schwankte das Schiff der Kirche: war es noch nicht bald aus? Noch nicht? Der Schweiß fing ihr an zu rinnen. Noch nicht bald?! Sie hörte kaum etwas mehr. Endlich ein Klingeln. Dreimal anschlagend. Ah, die Wandlung! Der Priester erhebt die heilige Hostie und dann den Kelch; tief anbetend schlägt alles die Brust. Wieder das silberne Glöcklein und wieder.

Die Huesgen riß weit die Augen auf, vor ihren Ohren ward das zarte Klingeln zum gewaltigen Läuten. Es erschütterte die Leere ihres Leibes; es schwieg nicht, es betäubte sie schier. Es läutete immerfort in feierlich rhythmischem Dröhnen. Vor ihren Augen erstand ein Flimmern – so wie jetzt im goldenen Strahl, so hatte die Mutter Gottes gestern vor ihr gestanden! Jesus, Maria, Josef! Jetzt erst fühlte sie einen tödlichen Schreck. Sie schloß aufseufzend die Lider.

Man hatte die Huesgen aus der Kirche führen müssen, sie fast tragen. Das Hochamt war doch noch zu anstrengend für sie gewesen; sie war in Ohnmacht gefallen. Jetzt lag sie daheim auf dem Bett; der Mann saß ganz betreten bei ihr. Er war verlegen und unglücklich und kam sich schuldig vor: das hatte er doch nicht gedacht, daß sie noch so schwach wäre! Und – er warf einen schweren Blick auf den Dores, der beschmutzt und greinend auf dem Estrich herumkroch und dem Kathrinchen, das ihn aufheben wollte, sich ungebärdig widersetzte – nun würde es auch mit dem Dores nicht anders werden! Wie sollte die Frau auch nach Echternach springen gehen?!

Das übermannte ihn schier. Er ging hinaus von der Frau aus der Stube, und da er nicht wußte wohin, um seinen Kummer zu verbergen – was sollten die Kinder wohl denken, wenn sie ihren Vater weinen sahen? – ging er zur Kuh in den Stall.