Das tat der nicht mehr wie gern. Hatte er ihr nicht schon zehnmal gesagt, sie sollte in die Stube gehen?! Er selber war auch kaum fähig, andere Hilfe zu leisten, als daß er im dunklen Stall die Laterne hielt und dabei stand mit leis sich bewegenden Lippen, während der Doktor und der Knecht an der stöhnenden Kuh hantierten.

Der Dreiborn war ein geschickter Mann, geschickter als mancher Menschendoktor. Aber während er fast blindlings sein Geschäft verrichtete, denn zu sehen war kaum etwas bei dem erbärmlichen Lichtgefunzel, räsonierte er laut: längst hätten sie ihn holen müssen, aber immer erst kamen sie, wenn’s zu spät war! Diese Bauern, diese verdammten Dickschädel, nichts weiter konnten sie als beten und plärren! »Halt dat Licht ruhig,« brüllte er den Adams an, »wenn Ihr so dermit wackelt, komm ich nit zu Stand. Wat hatt Ihr dann mit der Kuh jemacht? Dat Kalb stirbt ab, dat krieg ich nu un nimmer lebendig eraus. Dämliches Bauernpack!«

Der kleine Mann pustete vor Wut; er war komisch anzusehen, aber heute hatte der große Bauer doch Respekt vor ihm. »Mir han nühst jemaat, mir han nur jebet,« sagte er ganz kleinlaut.

»Äh wat, jebet – nur jebet, dat is et ja jrad!« Dreiborn pustete immer zorniger; er war ein aufgeklärter Mann, ›ein Mann der Wissenschaft‹, wie er sich selber nannte. »Leben wir im neunzehnten Jahrhundert oder im Zeitalter des dunkelsten Aberglaubens? Fast möchte man dat Letztere meinen. Aber so seid Ihr, alles wird bebetet, un dann seid Ihr ruhig: so, da sorgt nu der liebe Jott für! Der hätt viel zu tun, wenn der Euer Jeplärr immer hören wollt. Heut betet Ihr um Regen und morgen wollt Ihr schon wieder Sonnenschein, oder umjekehrt, – akkurat wie Ihr’t braucht. Dat wär ja ne nette Jeschicht, wenn Euer Beten immer jehört werden würd! Paßt auf, lernt wat, nützt die Zeit und stellt Euch auf Euch selber – dat andere all is Unsinn!«

Der Knecht riß das Maul auf und grinste dumm: das war was ganz Neues, was er da zu hören kriegte! Der Bauer kniff die Lippen zusammen, am liebsten hätte er dem Dreiborn eins auf den Mund gegeben: sich so was anhören zu müssen, noch dazu im eigenen Stall! Aber seine kostbare Kuh stöhnte so kläglich; er konnte nur schweigen und still die Heiligen bitten, ihm das Anhören dieser Gottlosigkeiten nicht als Sünde anzurechnen. – – –

Es war um die zehnte Stunde, als Dreiborn den Hof am grünen Klee verließ. Das Kalb hatte er nicht mehr retten können, die Kuh hoffte er jedoch durchzubringen; aber das arme Tier war gewaltig matt. »So’n Unverstand, so’n Unverstand,« brummte er vor sich hin, als er aus der Hecke trat, und brummte noch immer weiter, als er sie schon längst hinter sich hatte.

Schon geriet er in den Strom der Kirchgänger, und das besserte seine üble Laune nicht. Mit seinen scharfen Augen musterte er die einzelnen Gestalten. Da, der zitternde Alte, der am Stecken schlorrte, täte auch besser, sich daheim ins Bett zu legen! Und da die Frau, die alle Augenblicke niederkommen konnte, gehörte auch nicht mehr in die überfüllte Kirche! Und hier die Kinder, Dreikäsehochs, die sollte man lieber draußen herumspringen lassen beim schönen Sonnenschein, als ihnen mit unverständlichem Singen, mit barem Unsinn den klaren Kinderverstand zu verwirren!

Den Kopf vorgestreckt, die Augen herausgedrückt, hochrot im Gesicht, rannte der Cholerische weiter.

Die Leute grüßten ihn, sie kannten alle den Doktor Dreiborn. Schon manches Stück Vieh hatte er ihnen gerettet, aber sonst war er ein komischer Herr! Sie tippten auf die Stirn und warfen sich bedeutsame Blicke zu, als er vor ihnen herlief mit seinen dicken Beinchen, die Hände, die den Hut hielten, auf den Rücken gelegt, nur durch ein kurzes Nicken die Grüße erwidernd, die ihm zuteil wurden. Nach jedem scharfen Blick, den er um sich warf, räsonierte er aufs neue halblaut vor sich hin.

Der unterbrochene Strom der Kirchgänger, aus dem es ihm nicht gelang, herauszukommen, versetzte ihn in immer größere Erregung. Dieses verdammte Gerenne! Konnten sie nicht ruhig daheim bleiben und ihre Wirtschaft beschicken? Aber das Vieh konnte brüllen, die Kinder weinen, der Vater bettlägerig sein, die Mutter im Sterben liegen, wenn die Glocken zu läuten anfingen, mußte gelaufen werden!