Der Bürgermeister kam ihm gerade zu paß. Leykuhlen war eilig, Mariechen war schon voraufgegangen, aber nun hielt der Tierarzt ihn am Rockknopf fest. Es gab kein Loskommen.

Leykuhlen kannte den Mann seit Jahren schon und schätzte ihn als tüchtig in seinem Beruf, nun aber wurde er ungeduldig. Ins feierliche Getön der Glocken hinein, in die Lautlosigkeit der andächtigen Waller, die wie Wellen dem Felsen der Kirche zuströmten, sprudelte der ihm seine ganze törichte Lebensauffassung ins Gesicht! Er aber wollte sich nicht den heiligen Pfingsttag verkümmern lassen. »Ich muß jehen, ich komm sonst zu spät,« sagte er und suchte sich freizumachen.

Aber der andere hielt ihn fest: »Ich sag Ihnen, Bürjermeister, Sie sind auch so en Art Doktor: für die geistigen Schäden unserer Gemeinde sind Sie verantwortlich wie ein Arzt für die Gebrechen des Körpers. Sie müssen ran! Sie haben doch auch an der Wissenschaft Brüsten jesogen, nu immer ran un die Leut aufjeklärt, damit wir kein Heer von Idioten züchten, sondern von denkenden Wesen!«

»Da fangen Sie nun erst mal bei Ihren Patienten mit an, Herr Tierarzt,« sagte Leykuhlen. Jetzt nahm er den kleinen Viehdoktor nur noch komisch: nein, über den konnte man sich wirklich nicht ärgern! Er legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und patschte ihn scherzhaft: »Un ich sag Ihnen, Dreiborn, behalten Sie Ihre Weisheit für sich oder tragen Sie die Ihren Ochsen un Kühen vor – wir sind hier kein Rindvieh!« – – – – –

Derweilen saß die Bäreb im Eisenbahnzug und fuhr durch Gegenden, die sie längst nicht mehr kannte. Das war wohl noch Venn, aber nicht mehr so, wie es sich um Heckenbroich dehnte. Die Ginstersträucher, die jetzt um die Ley und am Truppen-Übungsplatz überall wie goldene Flammen leuchteten, standen hier schwarz, so weit das Auge sehen konnte. Hatte man sie angebrannt, um sie dann umzugraben, mit ihrer Asche den Weideboden zu düngen? Nein, auch die vielen kleinen Schonungen waren angekohlt, die Nadeln, sofern noch welche an den Tännchen hafteten, dürr und rostbraun. Über dem Strich Venn, den ein Waldbrand abgerast hatte, flimmerte ein Sonnenglast, der ihn noch viel trauriger machte.

Bäreb seufzte: es war doch viel schöner um Heckenbroich. Hier gab es ja gar kein Weideland mehr!

Langsam keuchend und bimmelnd kroch der Zug immer bergan, immer noch weiter so hinauf bis St. Vith. Da hieß es ein paar Stunden warten. Bäreb hatte nichts davon gewußt, daß sie umsteigen mußte; alle Mitfahrenden in der vierten Klasse waren ausgestiegen, sie aber saß noch immer geduldig am einen Ende der Bank, ihr Bündel zu Füßen, den Dores auf dem Schoß. Es war ein Glück, daß der Schaffner noch einmal in den Wagen sah.

»Echternach?« hatte sie schüchtern gefragt. Sie war des Fahrens schon herzlich satt. War es noch weit bis dahin? War man nun bald da?

Der Mann hatte sie ganz empört angeschrieen: »Aussteigen,« und hatte sie am Arm gegriffen, sie gerade noch herausgerissen, sie und das Kind und das Bündel, ehe der Zug abfuhr, der sie mit davongeführt hätte, weiß Gott, wohin in die fremde Welt.

In den Wartesaal traute sich Bäreb nicht, da mußte man was verzehren; auch schrie der Dores, den das »Aussteigen!« des Schaffners erschreckt hatte, so mörderlich, daß sich das Mädchen gar nicht in Menschennähe wagte. So ging sie den Bahnsteig zu Ende bis zum Güterschuppen, setzte sich da auf eine der umherliegenden Kisten, lehnte den Rücken gegen die beschienene Schuppenwand und sonnte sich.