Allmählich beruhigte sich der Dores; sie gab ihm zu essen aus ihrem Bündel, und er beschmierte sich ganz und gar, aber er war doch wenigstens zufrieden. Unbekümmert um das Fremde, was um ihn war, kroch er zu ihren Füßen im Kies des Bahnsteigs, steckte von den weißen Steinchen, die in der Sonne blinkerten, in den Mund, probierte, ob das ein Zückerchen sei, spuckte den Stein dann wieder aus, um ihn wiederum ins Händchen zu nehmen und zur Schwester emporzuhalten: »Pä, pä!« Das war sein gewöhnlicher Ausdruck für alles, was ihn verwunderte oder erfreute; mehr sagte er nicht.

Bäreb wurde sehr müde; nun spürte sie doch die durchwachte Nacht. Sie liebkoste den Bruder und versuchte, mit ihm zu spielen, aber der Schlaf war stärker als der gute Wille. Wie im Traum hörte sie plötzlich die Mutter sprechen, die Maiblum brüllen, die Geschwister schreien – vor ihr lag das Haus hinter der Hecke – ein Gefühl der Wohligkeit durchrieselte sie, die Augen fielen ihr zu. – – –

Als sie erwachte, lag der Dores vor ihr im Kies und schlief. Die Sonne war fort, aber auch ihr Zug.

»Nach Echternach, nach Echternach?!« Der Mann mit der roten Mütze, gegen den sie verzweifelnd anrannte, zuckte die Achseln: ja, da hätte sie eben besser aufpassen müssen, der Zug dahin war schon eine Weile fort!

»Jesus Maria!« Sie brach in heiße Tränen aus: was nun?! Ach, sollte sie nicht lieber umkehren? Es ging doch gewiß noch ein Zug zurück nach Heckenbroich. Aber dann schämte sie sich und nahm sich zusammen: sie mußte ja springen gehen, sie hatte so vieles zu erbitten, sie durfte nicht umkehren. Ganz vernünftig erkundigte sie sich, ob’s denn nicht noch einen weiteren Zug nach Ettelbrück gäbe? Ei gewiß, auf den Abend noch. Da ward sie wohlgemut. Ach, wenn sie nur hinkam, wenn sie nur hinkam! Keinen Gedanken mehr schickte sie zurück in die verlassene Heimat, all ihr Sinnen, ihr Herz und ihren Verstand richtete sie voran.

Sie hatte ein Büchlein bei sich, das »St. Willibrordus Büchlein«, enthaltend das Leben des Heiligen, die Gebete zu seiner Verehrung und zur Wallfahrt nach Echternach. Das hatte die Frau Bürgermeister der Mutter für sie gegeben. Nun las sie darin. Sie las vom heiligen Willibrord, dem Vorbild der Demut, dem Muster des Gehorsams; vom Glaubenseifer des heiligen Willibrord, von seiner Liebe zu Gott und seiner Nächstenliebe, von seinem Gebetseifer, von seinem Bußgeist, von seiner Sanftmut und endlich von der reinen Absicht des heiligen Willibrord bei allen seinen Werken. Mußte das ein guter Heiliger sein! Sie las mit leuchtenden Blicken, las sich immer mehr und mehr in die feste Überzeugung hinein, daß er allen half, die zu ihm kamen nach Echternach. ›Heiliger Willibrord, bitt für uns‹ – das schwebte ihr immerfort auf den Lippen.

Sie hatte ihren alten Platz auf der Kiste wieder eingenommen und las eifrig, halblaut jedes Gebet, das sie herausbuchstabierte, leise mitmurmelnd. Erst als ihr die Sonnenstrahlen nicht mehr aufs Büchlein fielen, merkte sie, daß es Abend ward.

Es war kühl hier auf dem Bahnsteig der höchstgelegenen Station; von allen Seiten konnte der Wind ankommen, hohe Zäune aus Latten mußten die Schienenstränge schützen gegen die Schneewehen des Winters. Es tat nicht gut mehr, auf der Kiste zu sitzen. Nun Bäreb nicht mehr vom heiligen Willibrordus las, fühlte sie sich auf einmal allein und verlassen; der Dores war doch so gut wie niemand.

»Pä, pä,« sagte er jetzt und riß sie am Kleide. Sie gab ihm eine Semmel, dann hob sie ihn auf aus dem Kies und ging langsam mit ihm zum Bahnhofsgebäude. Es half nichts, nun mußte sie doch in den Wartesaal hinein, es war für das Kind zu kalt und zugig draußen. Ein Glück, daß der Dores heute so lieb war; er hatte sich noch nicht seine Hosen beschmutzt, er spielte mit ein paar Steinchen ganz stillvergnügt und schrie nicht.

Den Bruder an sich pressend betrat sie den Wartesaal. Sie konnte nichts sehen vor Qualm und Tabaksrauch; mit niedergeschlagenen Blicken tappte sie zum entlegensten Plätzchen.