Wie durch einen Schleier sah Bäreb die roten Gesichter. Und dann sah sie an den Wänden Gestalten sich drehen, Frauen mit Hauben, Ritter mit Schwertern, langzopfige Mädchen von jungen Burschen umschlungen –

Adam hatte sieben Söhn’,

Sieben Söhn’ hatt’ Adam –

die tanzten alle im Marsch der Springprozession, und St. Willibrordus, die Fahne im Arm, die Bischofsmütze auf dem Kopfe, hob zwei Finger seiner Rechten und segnete sie. So war es an die Wände gemalt, aber Bäreb sah es, als wäre es wirklich.

Mechanisch führte sie die Hand ans Glas, mechanisch hob sie das Glas an den Mund, mechanisch dankte sie dem Dicken, mechanisch nickte sie, als er ihr anempfahl, sich nach einer Herberge umzusehen. Die Stadt war voll, an Dreißig- bis Vierzigtausend kamen hier zusammen, wo wollte sie nächtigen, wenn sie nicht Verwandte am Ort hatte, oder gute Bekannte?

Stumpf trottete sie von dannen. Sie irrte durch die Straßen; der Dores schlief schon, schwer lastete er auf ihrer Schulter. Unwillkürlich suchte sie einsame Wege. Sie war das nicht gewohnt hinter ihren Hecken; das Lärmen, die Musik waren zuviel für sie. Ganz betäubt wankte sie einem grünen Dickicht zu, das sie sah am Ufer der Sauer.

Sie trat durch ein Gatter, verschlossen war es nicht; ein alter Park mit Bäumen, die höher waren als die Tannen im Venn, umrauschte sie. Ah, hier war’s gut sein! Sie fragte nicht: ist’s erlaubt? Sie sah sich nicht weiter um – gepriesen sei der Schutzengel, der sie hierher geführt! Das Lärmen war verstummt, sie legte den Bruder ins Gras und sich dicht daneben; bald schlief sie fest.

In dem einsamen Park, der abends verschlossen wird, weil die Liebespaare sich sonst drein verkriechen und die Landstreicher, alle, die das heimliche Dunkel lieben, schliefen die müden Geschwister. Um sie flatterten Schmetterlinge, gaukelten im Liebesspiel und setzten sich ermattet auf die wilden Blumen im Schatten. Jasminbüsche dufteten berauschend, wie weiße gewölbte Glocken standen sie mit der Blütenlast ihrer hängenden Zweige im dunkelnden Laubgewirr. Hier war eine Wildnis. Faune mit abgeschlagenen Nasen grinsten aus dichtverwachsenen Bosketts, Nymphen mit ausgestreckten Armen fingen mit dem Marmorweiß ihrer nackten Leiber verstohlene Sonnenstrahlen auf. Verschlafen rauschte die Sauer vorüber am verfallenen Pavillon; dessen Stuck war abgefallen, seine Malereien entblättert, aber noch schützte das Dach, und noch sah man innen im Kuppelgewölbe die Amoretten sich tummeln um die schaumgeborene Göttin der Liebe.

Fern war das Treiben des Marktes, fern waren die vielen Füße. In der Stille der schützenden Bäume schlief Bäreb tief, aber nicht sanft. Es verfolgte sie etwas in ihrem Traum, das saß ihr im Ohr; das quälte sie selbst im Schlafen. Sie warf sich unruhig, atmete laut und zog die Stirn kraus. War es der Jasminduft, der sie belästigte, oder eine Erinnerung? Mit einem Schrei wachte sie auf. Grau-dämmerig war’s im Blättergewirr – wo war sie? Mit beiden Händen faßte sie sich an den Kopf. Ein Läuten hub an, das sie erschreckte. Sie riß den noch schlafenden Dores auf: zur Vesper, zur Vesper! Es läutete schon!

Die Maximiliansglocke läutete mit feierlichem Dröhnen das Fest des heiligen Willibrord ein; sie lud die Pilger zur Abendandacht an seinem Grabe. Von allen Seiten kam das gelaufen, was schon in der Stadt versammelt war; Scharen, Scharen, Scharen. Bäreb sah viele, die sie schon gestern und am Morgen gesehen hatte, aber noch hundert und aberhundert neue Gesichter dazu.