„Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! Wann ons Josefche dem sein Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn mer e Laad an — stärw net, Josefche, mei Josefche!“ Schreiend warf sie sich über das Kind.
Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd, stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das Bettchen — da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen das unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so über der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in die Stirn gewachsen. Sein Kind — sein Ebenbild! Der heiße Wunsch stieg in ihm auf, das Kind zu behalten.
Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der Zeih auf’s Herz, er konnte ihr Jammern nicht mehr hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, taumelte er nebenan in seine Kammer.
Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner Stirn stand ein Entschluß; seine Lippen waren fest zusammengepreßt.
Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, sagte er der Zeih.
Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt. Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern.
Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die Hütte der Schneidersch; mit der Bäbbi ging’s schlecht, die konnte sich nicht erholen. Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien. Krokodilsthränen vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, aber ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, als den Leiden der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die Ohren band, sie hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Säuglings. Die Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht, aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen Schrei zusammengebrochen.
Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur Thür neben dem Stall. Drinnen hörte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: „Sei still — sch — sch — waart nor, bis dän Pappa kömmt! O Jeß, wann hän net bal kömmt, sein ech dud — sch — sch —!“
Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an’s Fensterchen und guckte hinein.
Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rücken gestopft; sie war so schwach, daß sie den Kopf nicht halten konnte, bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite.