Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung. Als sie das Kind weinen hörte, zogen sich ihre Mundwinkel abwärts; schon hingen ein paar Thränen in ihren langen Wimpern.
Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, heut in der Frühe war er nach Hause gekommen, sternhagelvoll. Gelärmt hatte er nicht, er war in einem weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. Sie traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein paar Stunden fest geschlafen, glaubte sie ihn in der richtigen Verfassung, um ihr Anliegen wegen der Aufwartstelle vorzubringen. Aber da kam sie gut an!
Wie ein Verrückter trommelte er mit den Fäusten auf’s Bett und schrie sie an: ob sie denn noch nicht genug an einem hätte? Noch einen neuen dazu?!
„Nä, nä,“ brüllte er, raffte sein Kissen auf und warf es ihr an den Kopf. „On bei däm Stehler? Mein es dat Schlößche — mein mußt et sein — Stehler! Hal dei Maul!“
Sie wagte gar keine Gegenrede mehr; aber er sprang aus dem Bett, drang auf sie ein und trommelte mit seinen Fäusten auf ihrem Rücken, wie vorher auf’s Bett.
Das waren die ersten Schläge, die sie von ihm erhielt; und wenn er auch durch seine Betrunkenheit zu entschuldigen war, übel nahm sie ihm die Prügel doch. Um sich zu trösten, war sie mit dem Josefchen herausgebummelt, in der Richtung nach der Eichelhütte. Eine schmerzliche Neugier trieb sie; vielleicht, daß sie, am Gitter lauschend, das Gelächter der anderen hören und einen Blick erhaschen konnte in die ihr verschlossene Herrlichkeit!
„Hei es et schien,“ sagte sie und sah sich, mit offnem Munde, staunend um; noch nie hatte ihr Fuß diesen vornehmen Grund und Boden betreten. Sie ging wie auf Eiern.
Schmitz fühlte sich sehr geschmeichelt, er führte sie in’s Haus — das Josefchen konnte derweil draußen im Wägelchen sitzen — und zeigte ihr alle Räume. Mit neidischen Blicken glotzten die anderen Weiber; sie standen nun mit geschürzten Röcken und zerzaustem Haar in Nässe und Kehricht, und die da wurde herumgeführt, wie eine Dame!
Zeih kostete einen vollen Triumph aus; rasch kehrte ihre gute Laune zurück, die Augen tanzten ihr ordentlich vor Vergnügen, zärtlich streichelte sie über den verblichenen grünen Bezug des eingesessenen, breitlehnigen Sofas. Ihre naive Bewunderung machte dem Alten das größte Vergnügen. Dadurch wurde es ihm erst so recht klar, was er doch eigentlich für ein verteufelter Kerl war, solch einen Besitz zu erstehen. Er fühlte sich ordentlich jung; und als sie in den Keller hinabstiegen, um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfaß liegen sollte, nahm er auf der dunklen Treppe ihre warme Hand und patschte die und stieg so flink die steilen, schlüpfrigen Stufen hinab und wieder hinauf, als wäre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als hätte die leidige Gicht ihm nie einen Knüppel gegen die Beine geworfen.
Schade, schade, daß er dies Frauenzimmer nicht immer hier haben konnte! Er fragte sie noch einmal wegen der Aufwartung, und sie berichtete ihm haarklein den Vorfall des Morgens. Mußte der Miffert ein unangenehmer Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeihs Zunge rührte sich auch munter — nä, ihr Pittchen war gar nicht mehr kommod; seit der geerbt hatte, war er alleweil kaprizig![50]