Sie heulte, daß die Wände widerhallten; er schrie und lärmte wie besessen. Zuletzt versöhnten sie sich wieder. Noch einmal schien in Peter das frühere Pittchen zu erwachen; er schlug sich mit der Faust vor die Stirn, nannte sich einen ‚Wuodeswoor‘[51], umarmte die Zeih, bat ihr kläglich ab und küßte sie wild. Schnell versöhnt, gab sie seine Küsse zurück; einander herzend und drückend, verabredeten sie auf den nächsten Tag, den Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen.
Zeih träumte die Nacht von einem Karrussel, von Buden mit allerhand Herrlichkeiten, vom Oberkailer und von Herrn Schmitz, während Pittchen, den Arm um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen in’s Dunkel starrte und den Schlaf nicht finden konnte.
So jämmerlich hatte er sich noch nie gefühlt. War er denn krank? Wohl zitterten seine Hände, wenn er ein Glas zum Munde führte, seine Beine waren oft wie abgeschlagen; aber krank, nein, krank war er nicht. Im Dunkel streckte er den Arm aus — mager aber sehnig! Seine Finger spreizten sich — war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler auf den Tisch zu schleudern und danach aufzuschlagen, daß Flaschen und Gläser hoch sprangen? Wenn er nur mehr Freude davon hätte!
Freude — — —?! Er unterdrückte ein Hohnlachen; bei allem, was er that, schlich ja etwas um ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren, legte eine Hand auf seine Brust und drückte ihn da, daß er nicht frei atmen konnte.
Jüngst war er mit der Tina in der Sonntagnacht spät heimgekehrt; die Arme umeinander geschlungen, schlenderten sie durch den Kunowald. Im tiefsten Dunkel zog sie ihn auf’s Moos; da zitterte plötzlich ein Mondstrahl durch’s dichte Geäst, mitten auf ihr lachendes Gesicht. Es verzerrte sich zusehends zu einer Grimasse, die dunklen Augen schimmerten in grünlichem Licht, die weißen Zähne fletschten, als wollten sie ihn beißen. Mit einem Fluch hatte er sich losgerissen. Und da stand der Mond plötzlich in einer Lücke zwischen den Tannen und grinste über das ganze, volle Gesicht. Und den ganzen Weg ging er mit, und über Eifelschmitt blieb er stehen mit seinem verdammten Grinsen und wankte und wich nicht. Accurat so lachte der Schmitz.
In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer Seele anzuvertrauen. Ein paarmal war er wieder auf den Gräbern seiner Eltern gewesen, aber keine Stimme aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen; vielleicht, daß sie böse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so rasch ging das doch nicht. Alle Tage konnte er nicht einen harten Thaler wechseln, so dumm waren die Bäuerlein am Ende auch nicht; und seit der Schmitz, der Schlauberger, in Eifelschmitt hockte, war ihm ein Aufpasser gesetzt. Einen immer weiteren Kreis mußte er auf seinen Wanderungen beschreiben.
Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war schlau. Wenn er mit der Halbpart machte! Rasch kam ihm der Gedanke, wie eine Erlösung — nur nicht allein sein mit der Angst! — aber ebenso rasch verwarf er ihn wieder.
‚Weiber haon lange Röck,
Äwer en korzen Verstand‘, —
nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch Halbpart machen?! Er hatte ja für sich selber nicht genug; wie Butter unter der Sonne, so zerrann ihm das Geld unter den Fingern, er wußte nicht, wo’s hinschwamm. Die Hütte war kahl, nach wie vor; und wenn sie auch nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb’s doch. Zumal jetzt, wo er dem Frieden nicht recht traute war’s oft knapp. Und diese zerrte an ihm, und jene; die zog ihn hier, und die dort — das mußte ein unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schöpfen konnten.
Eine gewaltige Erschütterung kam über Peter, eine Todesmattigkeit. Der Kopf sank ihm vornüber, er hätte sich gern aufgerichtet, es war ihm beklommen; aber er konnte nicht, sein Rücken war so schwach, als sei kein Mark mehr darin.