Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug sog sie die herbe Luft ein, die ihr stark entgegenwehte. Wo gab’s noch eine solche Luft?! Als könne sie nicht genug davon bekommen, öffnete sie die Lippen und schlürfte und schluckte, wie ein Trinker köstlichen Wein. Sie faßte das Kind unter den Achseln und ließ es frei in der Luft schweben; es zappelte mit den Beinchen und jauchzte vor unbewußter Lust.

Lange hielt sie es so mit starkem Arm. Eifelluft, Heimatluft — sie konnte ihm gar nicht genug davon geben. Durchwehen, sich durchwehen lassen von dem reinen Wind, dann wurde man groß und stark; und wohnte man auch im Rauch der Städte und sah statt der Bergspitzen die Fabrikschornsteine ragen.

„Wuh ons Pappa es, lao sein mir aach zo Haus, gäl, Lorenzche?“ fragte sie das unverständige Kind und küßte es zärtlich. Sie dachte an die eingeengten Straßen, an die graue Luft, an das Gestampf und Geächz der Maschinen, und für Augenblicke irrte ein Bangen über ihr Gesicht; aber gleich darauf lächelte sie freudig. „Wann hän ons ruft, mir kommen, gäl? Mir giehn zo onsem Pappa on bringen ihm sein Heimat!“

Als hätte sie schon zu lange gesäumt, sprang sie auf. Schade, daß heute Sonntag war, am liebsten hätte sie gleich weiter geschafft. Arbeiten ohn’ Unterlaß, nicht müde werden! Dann kam vielleicht die Zeit, in der sie aufladen konnte, was not that, und ihm nachziehen durfte, hinunter in’s fremde Land. Mit praktischem Sinn berechnete sie, daß sein Lohn ja dann auch viel weiter reichen würde. Er hatte wohl guten Verdienst, aber es blieb — außer dem, was er an Geschenken mitbrachte und beim Besuch zuhause draufgehen ließ — blutwenig davon übrig. Es spart sich nicht viel, wenn man jedes Stück Brot, jede Handreichung an Fremde bezahlen muß; die ziehen einem das Fell über die Ohren. Da durfte man sich ja nicht trauen, ein frisches Hemd anzuthun! Mit Schaudern dachte sie an die schönen, selbstgesponnenen Hemden, die sie ihm geschickt — wie mochten die jetzt schon aussehen?!

Oh, sie wollte ihm wohl alles instand halten und ihm ein ordentliches Essen kochen, und ihm den rußigen Schweiß von der Stirn wischen. Da brauchte er in kein Wirtshaus mehr zu gehen, und der Gesellenverein that auch nicht mehr nötig; dann hatte er seinen Diskurs. Er würde bei ihr sitzen; im Winter am warmen Küchenherd, darüber das Lämpchen mit seinem blanken Schild wie ein Sönnchen strahlte — im Sommer vielleicht auf dem Gartenfleck, den sie mit Kartoffeln und Salat bebaut; ein paar Blumen mußten auch darauf wachsen. Am Himmel, zwischen den Schornsteinen durch, blinkten die Sterne, dieselben Sterne, die auch über den Eifelbergen leuchteten. Und er hielt ihre Hand, und er sprach zu ihr: „So gut is mer’t noch nie ergangen, Bäbb!“ — — — — — — — — —

Mit einem tiefen, zitternden Seufzer fuhr sie aus ihren Träumen auf. Sie hatte seine Hand gefühlt, seine Stimme gehört — ach, es war nur der Wind, der über ihre Stirn gestrichen, und das Lorenzchen, das kindisch gelallt hatte! Weit war der Lorenz, weit jene Zeit! Und hier waren die alten Eltern, die der Versorgung bedurften, die konnte sie doch nicht im Stich lassen. Schrumplige Äpfel halten oft fester am Ast, als rotbackige; und schütteln darf man nicht in fremder Leut’s Garten. Die konnten noch lange leben! Und die mußten auch hier zu Ende leben; alte Bäume verpflanzt man nicht. Aber die jungen, die jungen?! Bäbbi schüttelte den Kopf; in ihrem einfachen Sinn war es ihr klar: den jungen that das Hierbleiben nicht gut! Die mußten hinaus, den Männern nach!

Mit schwimmenden Augen sah sie in die rote Sonne, die dort langsam hinter den Wald tauchte. Die Wipfel strahlten in lauterem Gold. So unermüdlich die am Abend niederging und am Morgen wieder auf, so unermüdlich mußte auch sie ihr Tagewerk immer wieder von neuem beginnen, freudig in Geduld, gewiß in Hoffnung.

Hoffnung! Hoffnung!

Ja, der Tag der Vereinigung kam — jetzt wußte sie’s genau. So sicher, wie diese Sonne, die diesseit hinter’m Wald versank, morgen jenseit über Schwarzenborn stand im neuen, vollen Strahlenkranz und den einsamen Busch in blendenden Glanz hüllte — so sicher!

Ihre ernsten Augen erhellten sich, ein heiliges Feuer schien sich darin zu entzünden. Höher und höher reckte sich ihre aufrechte Gestalt; wie die Wurzeln eines starken Baumes standen ihre Füße fest im heimischen Felsenboden, aber ihr offner Blick ging in’s Weite.