Sie hob das Kind über sich und schwang es mit einem Jubelruf hoch in die Lüfte. „Heissah, flieg! Lorenzche, flieg! Dein Vadder on dau on ech, mir hören zosammen. Flieg, flieg!“
Eine namenlose Freude schien über sie gekommen, ihre Stimme erhob sich zu einem langen Jauchzen. Es hallte in’s Thal hinunter, drang in die Hütten, weit über’s Thal hinaus und verlor sich jenseit der Berge. Es klang wie ein Weckruf: Auf, auf! Wie ein anfeuernder Schrei und ein Locken zugleich: Kommt, kommt!
Strahlender Glanz lag auf Bäbbis Gesicht, strahlend wie die Lichtflut, die die Sonne mit letzter Kraft auf ihren blonden Scheitel goß.
Starken Trittes stieg sie zu Thal, kraftstrotzend und siegessicher.
Tief im Thalhintergrund lagen die mächtigen Ruinen von Himmerod, schon schwarz im Abendschatten, während die Eichelhütte mit ihren weißen Mauern noch als heller Fleck am dämmrigen Waldrand glänzte. Alles still, sonntäglich friedlich. In einer weihevollen Feierstimmung schritt Bäbbi dahin. Da, horch! Geschrei schallte zu ihr herüber; unweit der Eichelhütte stand ein Trupp Menschen auf der Straße. Sie schrien alle durcheinander mit lauten Stimmen.
Was war geschehen? Bäbbi näherte sich rasch — vielleicht eine Nachricht von denen draußen, vom Lorenz?! Warum hatten sie sich nur alle hier zusammengefunden, der Herr Pastor und der Herr Schmitz, der Krumscheid und der Küster? Sie umstanden ein Bäuerlein, das, den Stecken unter den Arm geklemmt, mit den Fäusten herumfuchtelte.
Ei, das war ja der Kemper aus Großlittgen! Bäbbi erkannte den Handelsmann, der jahraus, jahrein mit seinem Karren voll Irden-Geschirr die Eifel durchquerte. Er machte auch nebenbei Geschäfte mit Hasen- und Marderfellchen, mit Lumpen und Knochen und allerhand anderem Kram. Seine lustigen Scherze waren wohlbekannt; heut schienen sie ihm vergangen.
Er schrie: „Et es en Schand on en Sünd! Mer schindt sech halw dud, mer rennt sech den Odem aus em Leiw, mer schäst[52] dorch’t miserabelste Wäder! Wann mer ahf on an e Kastemännche eröwrigt, es mer als heilfroh; on onseranen gieft bedrogen! Dat elao es schänderlich, schänderlich es dat elao!“ Er heulte laut.
„Wuh haot Ihr dän dann gekritt — wuhähr? Jesses, saot doch!“ Der Krumscheid rüttelte ihn.
„Ech waaß net,“ stöhnte das Hausiererchen und schlug sich vor die Stirn. „Ech Dummkoap! Kann sein als vor Wochen uf der Wittlicher Meß, kann aach net sein. Duh haot ech der Dahler mieh. Onsem Hährgott sei’t geklaogt, mer kann se jao nie lang behaalen. Onseranen kömmt heihin on daor, duh kritt mer dat Stöck on duh dat, heit en Penning, morjen en Groschen, öwermorjen en Dahler — ech sein beschummelt met Bedaacht, schänderlich beschummelt! Verfluchtes Schinnaos, dat mech e su beschiß haot! En heilig Kreizdunnerwäder soll hän —“