Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine Hütte und brachten ihm Suppen. Und Thee mußte er trinken und Latwergen schlucken, höllischen Mischmasch von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen und Umschläge mußte er probieren von Schneckenspeichel und gekautem Brod.
Da er sie so nicht los wurde, that er böse und schmollte, besonders mit der Tina. Aber je mehr er sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm nach; und die Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag; setzte sich ihm auf den Schoß, in Gegenwart der Zeih, und fragte ihn, wann er sie ausführe? Und gab ihm lachend einen Nasenstüber, daß ihm das Wasser vor Wut und Schmerz in die Augen schoß.
Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen Skandal. Also dafür mußte sie hungern, daß er mit dem Mensch, der Tina, das Geld verpraßte?! Bitterlich weinend rang sie die Hände:
„O ech arm Dier! Wären ech nor dud, ech on dat Josefche! Mir sein ganz verlaoß, mir haon niemand, dän for ons sorgt!“
Ihr Jammern that ihm in der Seele weh — sie war doch immer noch die beste, hatte ihm nie ein schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt klagte, wahrhaftig, sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach er ihr ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel; auf den Sonntag verhieß er sogar ein Stück Fleisch in den Topf. Selbst ganz gerührt, wischte er ihr die Thränen von den Wangen, immer wieder strich er ihr mit zitternder Hand über’s Gesicht; sein Herz war wie entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem schmerzhaften, seltsam öden, katzenjämmerlichen Gefühl.
Er wußte nicht mehr aus noch ein; in gräßlicher Ungewißheit und qualvoller Unentschlossenheit verrannen ihm die Tage.
Währenddessen sänftigten sich draußen die erregten Gemüter, das Geschwätz von den falschen Thalern war schon nicht mehr das einzige. Bald wurde der gewohnte Alltagsklatsch wieder aufgenommen und verdrängte das bis dahin herrschende Gespräch. Zudem rückte Peter und Paul näher, bald kamen die Männer; die Weiber besannen sich auf ihre Pflicht. Hütten wurden geweißt, Tische, Schemel, Töpfe und Bänke gescheuert, Wäsche gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche für glückliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still.
Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe und bei dem Mangel an geistigen Getränken erholten sich seine erschütterten Nerven. Er hatte nun doch wieder einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticität; dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar so Dummen ein Schnippchen zu schlagen.
Vorsichtig ließ er seine Augen um und um gehen — nichts Verdächtiges! Wer würde es merken, wenn er einmal wieder einen wandern ließ?! Sie brannten ihn ordentlich in der Tasche.
Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und saß lange auf dem steinernen Sockel.