„Kotzdausend — wat — wo?!“ Schmitz riß die zwinkernden Äuglein weit auf und rollte sie hin und her. „Haben Se wat auf’m Kieker?“

„I bewahre!“ Ärgerlich preßte der Gendarm den Gurt seines Seitengewehres tiefer herunter. „Lausenest, diese Eifel! Reineweg nischt los; am besten, man verschliefe die janze Zeit.“

„Oha“ — der Alte machte ein wichtiges Gesicht — „sagen Se dat nit! Ich sage Ihnen“ — er dämpfte die laute Stimme zum Flüstern und wies mit dem Daumen zurück gen Eifelschmitt — „da is’t nit geheuer! Seien Se auf’m Quivive!“

„Wissen wir längst, wissen wir ja längst,“ sagte der andere abweisend. „Denken Sie denn, werter Herr Schmitz, die Polizei hat keine Augen im Kopfe? Nee, Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der Obergendarm hat längst die Meldung nach Trier abjejeben; seit der olle Krumscheid die elf falschen — Donnerwetter!“ Er schlug sich auf den Mund. „Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten lassen! Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar auf den Eifelschmitter Männern. Die stecken da unten in den Fabriken, mitten zwischen den Werkzeugen und all dem Krempel, — und dann sind sie jedenfalls Sozialdemokraten, und die —.“ Er spuckte aus. „Sehen Sie, die Kerle sind die Attentäter, die Weiber in Eifelschmitt machen die Hehler. Aber warte man! Weitjehende Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten anjestellt. Ja!“

„Wat Sie schlau sind,“ sagte pfiffig schmunzelnd der Alte. „Ja, die Preußen! Die Berlinersch besonders, die hören et Jras wachsen! Ich würd’ nu viel eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben. Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da war neulich sein Frau bei mer un hat sich wat Jeld jeborgt. Von dem Momang, wo hier der Rumor wejen dem falschen Thaler losjejangen is, rückt der Kerl nix mehr eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdächtig?“

„Nanu? Hahaha!“ Der Gendarm amüsierte sich köstlich; da sah man doch wieder, wie die Dummheit sämtlichen Eifelern angeboren war! „Mein werter Herr Schmitz — haha — da sind Sie nett reinjefallen mit Ihrer Schlauheit! Der Miffert — haha! Den kenne ich wie meine Tasche, der is das dümmste Luder, wo existiert. Nenee, haha! — Na, Morjen!“

Kopfschüttelnd sah der Alte ihm nach. „Grünschnabel,“ brummte er ziemlich respektlos und schlug das Fenster zu. —

Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand angenehmen Schatten auf den Thalweg warf, klopfte der geistliche Herr an die Eichelhütte. Es war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur wenn er Herrn Schmitz nicht zuhause wußte, dehnte er den täglichen Spaziergang bis Himmerod aus. Die alte Klosterruine kannte er längst in- und auswendig, aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stück Welt, das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann saßen die beiden beim Gläschen Moselwein, die ‚Kölnische Volkszeitung‘ lag auf den Tisch gebreitet. Die hielt sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer konnte nur mit dem ‚Paulinusblättchen‘ aufwarten.

Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach in einem belehrenden Ton, schlug gern zur Bekräftigung seiner Kannegießereien auf den Tisch und wurde krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der Pfarrer hörte zu mit stillem Lächeln; er war es gewohnt, sich zu fügen.

Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die Zeitung; der Sonnenstrahl, der sich durch das dichte Dach der Bäume bis zu dem steinernen Gartentisch stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten Gläsern. Ganz bekümmert lehnte der geistliche Herr in seinem Stuhl; den einen Arm über die Lehne gehängt, den andren wie zur Abwehr erhoben, starrte er sein Gegenüber an.