Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie nur ein Spältchen die schwarzen Lider.

„Dat Kleid,“ lallte sie. — „Kleid — kaaf mer e schien nei Kleid!“

[VI.]

Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, den ganzen Tag und die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind und ihn dann wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt, geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues Kleid.

Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst im Herzen hatte Pittchen das Wägelchen ankommen sehen; hinten aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer.

Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb stundenlang aus; längst waren die andren zurück — Peter hatte aufgepaßt — noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen.

Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal an geschützten Stellen war’s zwar noch leidlich, aber oben auf den Höhen sauste der Oktoberwind mit Ungestüm und fegte ganze Lawinen welker Blätter die Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.

Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das Pflaster fehlte, sank man ein bis über die Knöchel. Ein modriger Geruch stieg von Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn’ Unterlaß geregnet.

Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt; die Ruinen des heiligen Bernardus hüllten sich in Regendunst und Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Köpfen von milchigem Gischt.

An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein Trauertuch spannte; von den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste reckten — hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest —; von den Dächern, die, triefend, tief über den durchweichten Hausmauern hingen.