Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem Kopf, den Blick zu Boden gesenkt, mit schlaff baumelnden Armen und schlorrenden Füßen ging er die Dorfstraße hinunter. Er beachtete kein ‚Gutentag‘ und keinen Zuruf; er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen Kindes, der hell und kräftig über den Schneiderschen Hof gellte.
Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim Weihwasserbecken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein düstrer Blick wurde heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf. Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund, und um seine Augen zuckten schlaue Fältchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da, Geräusch! Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der Tasche.
Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte; der Reisende fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den struppigen Kopf um die Ecke und sah ihm mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er gewohnheitsmäßig den Finger in’s Weihwasser, bekreuzte sich flüchtig und trat in die Kirche.
Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände über’m Bauch gefaltet, auf dem guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung, stand er vor den Trümmern des ehrwürdigen Kronleuchters.
Mitten in’s Schiff war der heruntergestürzt; viele, viele Jahre hatte er schon an der weißgetünchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen hatten an hohen Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine noch höhere Weihe verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond und Sterne, hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde des Kirchleins hinaufgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz gestiftet hätte.
Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich gelöst, in einer Wolke von Staub war er niedergefahren, mit einem dumpfen Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja, ein ganzer Mauerstein.
Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden nun reparieren? Das Einmauern war nicht so schwer, aber der schöne Kronleuchter war arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen, die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und viele der flachen Lichttellerchen darunter, abgebrochen.
Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte. Was würde das kosten, ließ man einen Künstler kommen, der das wieder herstellen konnte?! Oder gar das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen! Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch über die Stirn, nahm auch eine Prise um die andre und trommelte nachdenklich auf die Schnupftabacksdose.
Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig eingefunden hatten, von Pittchen.
Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen Boden in den Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zum Gehen gebracht; dieser das plattgetretene und verbogene Amulettchen mit den heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den in zwei Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, daß ihm kein Mensch mehr was ansah. Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und Hausgerät, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte. Warum denn dies nicht?