Josefine war erstaunt: der Vater machte Scherz, der Vater hatte Bier holen lassen, heute am hellen Werktag?! So vergnügt hatte sie ihn kaum je gesehen. Was er nur an dem Conradi fand?!
Sie selbst saß stumm und steif und zog ihre Hand, nach der der Sergeant immer wieder unter’m Tisch verstohlen faßte, ebenso oft wieder zurück. Als der Vater einmal an’s Fenster trat, nach den Wetteraussichten für die morgende Felddienstübung zu spähen, und Conradi ihr in’s Ohr flüsterte, ob sie seinen Ring und sein Gedicht noch hätte, da machte sie nur: »Hm!« Und stand auf, um nach der Thür zu gehen.
»Halt,« rief der Vater, »wohin?«
Da mußte sie bleiben und sich wieder niedersetzen. Es half ihr nichts, sie mußte sich von Conradi angaffen lassen, als hätte er was bei ihr verloren. Wie sehr sie auch den Kopf wegwendete und seinen Blick vermied, und wenn er auch mit dem Vater sprach, immer doch hingen seine Augen an ihr.
Als er mit strahlender Miene von Vohwinkel sprach, dem sauberen Örtchen, hoch oben auf den Hügeln gelegen, mit dem weiten Blick in’s bergische Land und auf all die Fabrikschornsteine, die Eisengießereien und Schleifereien, that er ihr jedoch fast leid. Selbst die Luft dort lobte er, die sei so stark, ganz anders, wie hier in der Stadt und in der Kaserne. Wenn dort auch wohl Fabrikruß flog, es gab doch noch viele Ackerfelder, und man konnte gegen billige Miete ein Häuschen für sich allein haben und ein Stück Garten, wo man Kartoffeln pflanzte und Gemüse zog. Er erzählte mit Behagen; solch eine Stelle hatte er sich immer gewünscht. Nun hatte er keinen Grund mehr, den ältesten Bruder, der in der fernen Heimat auf der ostpreußischen Hufe saß, zu beneiden; er hatte jetzt auch sein Glück gefunden. Mit aufglänzenden Augen strahlte er das Mädchen an.
Josefine hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht aus noch ein. Blaß und verwirrt saß sie da.
Sehr interessiert ließ sich der Feldwebel von dem jüngeren Kameraden dessen Wirkungskreis und seine Pflichten beschreiben: Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Kontrolle von Versammlungen, Schließung der Wirtshäuser, Aufschreiben der das Polizeiverbot Übertretenden, Arretierung von Landstreichern und Bettlern, Prüfung von Maß und Gewicht und so weiter.
Conradi berichtete mit Eifer. In Vohwinkel hatte er keinen über sich – der Vorgesetzte war in Mettmann – er mußte allein aufkommen für Ruhe und Ordnung; und das würde nicht immer leicht sein. Wenn es ihm nicht widerstrebt hätte, sich selber zu loben, so hätte er wohl gern erzählt, wie es ihm gelungen war, einem größeren Krawall, vielleicht sogar einem Blutvergießen vorzubeugen, als letzten Samstag die entlassenen Arbeiter der Färberei zu Sonnenberg bei Elberfeld dem Fabrikanten Thür und Fenster einwarfen.
»Na, Heldenthaten habt ihr ja wohl nicht auszufressen,« lachte der Feldwebel.
»Nein, das nicht,« sagte Conradi bescheiden und merkte gar nicht den leisen Ton gutmütigen Spottes im Lachen des andern.