Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut, knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.
Jauchzen und Vivatruf begrüßten jubelnd Prinz Karneval. –
Das war ein schlimmer Tag für Rinke. Als er, im Innersten empört, kaum die äußerliche dienstliche Haltung bewahrend, dem Hauptmann Meldung von dem Vorgefallenen machte, zuckte dieser nur die Achseln:
»Ja, in solchen Tagen! Überhaupt hier am Rhein! Wir sind auf exponiertem Posten. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Ich werde aber mit dem Herrn Major sprechen.«
Der Feldwebel war zum erstenmal mit seinem Vorgesetzten nicht einverstanden – was, diese Frechheit gegen des Königs Rock sollte vielleicht gar ungeahndet bleiben?! Kam das nicht fast einem Treubruch gegen den König gleich?! Und sich selber fühlte er ungeheuer blamiert. Das Knallen, Schreien, Kreischen, Juchzen, Lachen – das unverschämte Lachen – lag ihm unausgesetzt noch in den Ohren. Die Pflastersteine der Kasernenstraße, über die er marschiert, waren spitz wie Nadeln gewesen, sie stachen ihn noch jetzt; auch der Boden des Kasernenhofs prickelte ihm unter den Füßen. ›Ruhe, Vorsicht, Mäßigung‹ – ah, nun würde der Herr Hauptmann dem Herrn Major Meldung machen, der Herr Major dem Herrn Obersten, der Herr Oberst dem Herrn General. Und dieser würde die Herren zu einer vertraulichen Besprechung in die Mitte des Exerzierplatzes bitten, wo er, die Hände auf dem Rücken, reden, und die Herren Offiziere, im Halbkreis ihn umgebend, zuhören würden: »Ruhe, Vorsicht, Mäßigung!«
Am folgenden Mittag beim Appell sprach der Hauptmann zur Kompagnie, ganz besonders wendete er sich dabei an die neu Eingezogenen, die stramm, die Hände an der Hosennaht, die Augen starr auf den Vorgesetzten gerichtet, standen.
»Wir leben in einer ernsten Zeit,« sagte er, »ihr werdet es wohl auch schon bemerkt haben. Ihr seid wieder einberufen und habt auf’s neue die Ehre, Seiner Majestät, eurem König, zu dienen. Zeigt euch dieser Ehre würdig. Betrachtet euch nicht als solidarisch mit der Bürgerschaft, ihr seid jetzt nur Soldaten. Aber euer König wünscht ein gutes Verhältnis zwischen euch und der Bürgerschaft. Geht also Rempeleien aus dem Wege, mischt euch nicht unter das Volk. Seid immer eingedenk, daß ihr die Ehre habt, des Königs Rock zu tragen! – Ich mache also hiermit bekannt, daß von heute ab, gegen Androhung von drei Tagen Mittelarrest, jedem Mann hiesiger Garnison verboten ist, öffentliche Wirtshäuser zu besuchen, in denen Bürger verkehren; auch der eventuelle Besuch in Bürgerhäusern ist einzustellen. Es bleibe jeder Stand für sich. Wir leben in einer ernsten Zeit. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! – Und nun laßt uns nach guter alter Soldatensitte rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster Herr und König, Friedrich Wilhelm IV. – hurra!«
Die Kerle rissen das Maul auf, dreimal schallte es über den Kasernenhof, kurz und scharf, wie aus der Pistole geschossen:
»Hurra! Hurra! Hurra!«
Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze und ging.