»Du lügst!«
Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge. Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm – keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für Schritt.
Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram!
»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!«
Sie gab keine Antwort.
Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe dich gestern gesehen!«
Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür.
»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie von sich.
Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn; entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s Gesicht.
Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum belügst du mich?!«