Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm, er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung. Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland!
Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen.
Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den raschen, elastischen Tritt – der Leutnant!
»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen.
»Zu Befehl, Herr Leutnant!«
Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist zurückgezogen worden?« stieß er heraus.
»Zu Befehl, Herr Leutnant!«
»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke, der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens in’s Gesicht!
»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig. Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten. »Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!«
Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht, hier blieb er stehen.