Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen. Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur bald!‹
Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch.
Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er. Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein. Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen König gesehen.
»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte.
Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte: »Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?«
»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort.
Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der Weg!«
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Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals, in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich seine große Erregung.
Mit glühendem Blick suchte er seinen König.