Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch, formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach, nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht seines Lebens wieder in dem jungen Offizier.
Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu erlauschen war.
Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung, auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen!
Die Bürgerwehr wurde aufgelöst.
In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen.
Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden.
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Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt. Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor.
›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz gebacken.‹
Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich! Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na, man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch genug!