Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt – abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch wieder neue Unruhen anhuben. –
Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß, klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht.
Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und nieder auch schwankten Gerüchte.
Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark. Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in Sicherheit in die großen Städte.
Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt vermieden werden.
Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn selber kochen?!
Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim!
Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung, als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß gegen und half so der bebenden Hand.
Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben! Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster, der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig lange entbehrt!
Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück. Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan.