Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz. Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben in der Offiziersstube brannte noch Licht.
Ob er noch da wohnte?!
Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen!
Drüben erlosch das Licht.
Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken, sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume –
Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein schlanker Offizier. Das war er!
Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun hatte er sie doch gesehen!
Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen. Taghell war die Mondnacht.
Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja!
Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’ er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?!