Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt.
Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht. Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht.
Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr; mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf!
Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter.
Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören, schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er – horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf.
Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die Straßenmündung nach dem Markt sperrt.
Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher.
Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust und unter jedem Arm ein großes Brot.
»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!«
»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene, so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte Soldat, ich –«