Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins.

Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt, – da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger –?! Pfui!

Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot!

Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und fort.

Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein Schatten, fliegt sie dort vorbei. –

*

Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der Altestadt.

Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend: das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse!

Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen mehr.

Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis.