Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. –
Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus; übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch Soldaten sollten gefallen fein.
Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von Unglück hing’s über der Stadt.
Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende.
Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch – natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den ›Bunten Vogel‹ gelaufen.
Da kamen sie noch lange nicht zurück!
Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch.
Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – – ›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹
Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort ›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten.
Was hatte er gethan?!