Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke, das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die Pistole sinken lassen.

Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen.

Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen – leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner Tage!

Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?! Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher, gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was zögert ihr noch?!‹

»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur Seligkeit!«

Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens rief.

Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief zum Appell!

Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er nun zum letzten Mal und in Ehren! – –

Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ – ›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹ und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen.

Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus, und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich zurechtlegend, schob er die Schublade zu.