Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend, schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift:
Über alles die Ehre!
So. Das konnten sie gut lesen!
Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum beschweren quer darüber.
Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front, als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand zitterte nicht – und dann lud er.
Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich zu.
*
Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen: Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte: die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen – das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen, aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel!
Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina. Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der Uniform.
Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter, die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria, Josef, euch schenk ich seine Seele!‹