Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch der Wilhelm käme! Wo war der?!
Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an, man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück kommen?!
Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder, hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so beteten sie miteinander, Stunde um Stunde:
›Herr, erbarme dich seiner!
Christus, erbarme dich seiner!
Heilige Maria, bitte für uns!‹
Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den Kopf tief gebeugt.
Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot! Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es das Blut wehrloser Bürger?!
Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße!
Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie!