Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm doch ens bei dein Vater!«
»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen! Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich kann nit!«
Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust – ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und das Herz lag in der Brust wie ein Stein.
Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie nur wenigstens weinen könnte!
Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen, ohne Laut, ganz entsetzt – da kam der – der –!
Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht. Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz.
Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen!
Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht. Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?!
Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür. Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und Großmutter beteten still. Am Bett stand er. Seinen Kranz – waren’s Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren verharrte er und blickte starr auf den Toten.
Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm den Rücken. Da ging er.