III

Der erste Weg, den Josefine lernte allein zurückzulegen, war der zu den Großeltern. Munter und großäugig blickend, trippelte die Kleine über Hof I der Kaserne. Ein mit einem Lämmchen besticktes Perlentäschchen trug sie umgehängt, da hinein steckte ihr die Großmutter immer etwas Leckeres.

Feldwebel Rinke war nicht für die Verwöhnung; ob es regnete oder windete oder fror, Josefine mußte heraus, nur daß sie dann statt des runden Hutes mit Bändern, der ihr ewig im Nacken hing, ein Kapüzchen trug und um den bloßen Speckhals ein Radmäntelchen. Frau Trina war weniger für die Abhärtung, die Fina war ja noch so jung: sie wird den Husten kriegen, sie kommt noch zu Unglück! Aber im Grunde war sie doch ganz froh, einmal für eine Weile ein Kind los zu sein, sie hatte ja noch den knapp um ein Jahr jüngeren Wilhelm und ein ganz Kleines in der Wiege. Zwischen Wilhelm und dem Kleinsten war eins gestorben, ein Mariechen. No, das war ja nur drei Wochen alt geworden, und zu warten hatte sie auch so noch genug! Die Eltern hielten ihr zwar jetzt ein Mädchen für die Tagesstunden, aber das war fast selber noch ein Kind, eben erst zur heiligen Kommunion gegangen.

Das Kasernenthor war die einzige ernste Schwierigkeit auf Josefines Weg zur Ratingerstraße, den schweren Thorflügel konnte sie nicht heben; und stand keine Spalte offen, um durchzuschlüpfen, mußte sie Hilfe rufen. Hell schallte die Kinderstimme über den Hof, die Soldaten spitzten die Ohren, wie bei einem Trompetenstoß. Nur rasch, sonst schrie die kleine Blage[3] sämtliche Spottnamen der Kompagnie! Die wußte sie ja alle; und die Soldaten wollten sich darüber totlachen. Jeder von ihnen kannte die Feldwebelstochter.

Wurde auf dem großen Platz exerziert, stand die Kleine gewiß oben in der Wohnung auf dem Fensterbrett, den einen Arm um’s Fensterkreuz geschlungen, den andern zum Schutz vor die geblendeten Augen gelegt. Wurde in Hof I gedrillt, hockte sie sicher in der Nähe, auf dem Pumpentrog, auf irgend einer Treppenstufe und folgte mit aufmerksamem Blick jedem Griff, jeder Wendung.

Feldwebel Rinke freute sich seiner Tochter; er war nicht wenig stolz auf sie. Abends, wenn er sich die Pfeife anzündete – die einzige, die er sich überhaupt gönnte – rief er: »Antreten!« Und Josefine, die schon lange auf diesen Ruf gelauert, war mit einem Sprung zur Stelle. Einen zugestutzten Haselstock trug sie im Arm.

»Achtung!« Der Vater kommandierte. Hei, da wurden Griffe geübt, geschmeidig klammerten sich die kleinen Finger um das Stockgewehr.

»Faßt das Gewehrr – an! Gewehrr – ab! Faßt das Gewehrr – an! Ladestock im Lauf! Gewehrr – hoch! Spannt den Hahn!«

Der Feldwebel schmunzelte: ja, die beschämte manchen Rekruten! Und die wichtige Miene dabei, das Gesicht ganz erfüllt vom Ernst des Augenblicks!

Nun wurde Stellung geübt, und Wendungen auf der Stelle, und Marsch.