Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s einmal anprobierte?
Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches, hastiges Zucken in den Fingern, mit denen sie ihr schwarzes Gewand herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter hatte schon oft gequält:
›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹
Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und vergessen würde sie ihn darum doch nicht!
Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav wurden, wie ihr Vater gewesen!
Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände. Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen, Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff: das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage, da der’s ihr gegeben.
Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen, und runde, vergilbte Tropfen markierten sich auf dem Blatt – Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin,
Ein Märchen aus alten Zeiten –‹