›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben, sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!
Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment, um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an ihrer Hand.
Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge, die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.
Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still. Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen auf.
Die Witwe träumte. –
Plötzlich schreckte sie auf.
»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm doch nichts passiert sein?!
Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt, voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen, der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß. Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht geflogen: ›Ich weiß et nit.‹
Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit. Und die Tochter begriff das wohl. –
Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück. Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen doch keinen Krieg angefangen!