»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.

Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er: »So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich, wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«

Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn, die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«

Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler, Mutter, Maler!‹

Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel? Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und die roten Abendwolken!

Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet, gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!

Ihr Herz bangte um ihn. – – –

Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen Unternehmungen beseelte.

Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte! Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen, wäre auch keine Schande.

»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank! Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen, dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen, die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber! Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66, auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech, und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ – wetten?!«