Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm.

»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.«

»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen. Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte, antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?!

»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand.

»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch. »Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir, der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!«

Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell:

»De Peter will Maler werden.«

Friedrich lachte sein kräftiges Lachen:

»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!«

»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in der Kopf jesetzt.«