Dann holte sie einmal ihren Putz hervor und zeigte sich, am Arm ihres Feldwebels, als gute Bürgerstochter, die mehr Geschmack hat, als eine gewöhnliche Soldatenfrau. Die Schnürbrust ließ sich freilich so eng nicht mehr zusammenziehen, aber der Rock setzte sich modisch mit vielen Falten unter dem runden Leibchen an, die Ärmel bauschten mächtig bis zum Ellenbogen, und reichlich gesteifte und wattierte Unterröcke gaben dem Rock einen schönen Fall.
Frau Trina war heut nicht ganz zufrieden mit dem Ziel des Ausflugs, sie hätte ihren Staat lieber mehr sehen lassen und selber gern welchen gesehen im Kaffeegarten ›Zum Stockkämpchen‹ oder in der ›Petersburg‹ auf dem Flingersteinweg, wo man beim Gläschen Wein und Bier Musik von der Estrade des großen Saals zu hören bekam und nachher auch ein Tänzchen machen konnte. Aber ihr Mann, der war ja zu geizig für so etwas, der ging am liebsten nur, jenseits der Schiffbrücke, nach der ›andern Seite‹, wo man im Grasgarten des Bauernwirtshauses Bauernbrot und dicke Milch aß.
Schon hatte man den alten Jan Willem am Marktplatz erreicht und spazierte, das eherne Reiterbild, auf dessen mächtigem Haupt Scharen unverschämter, schirpender Spatzen saßen, zur Rechten lassend, herunter zum Zollthor. Und sieh da – der Rhein, der Rhein!
Josefine stieß einen hellen Jubelschrei aus. Ja, da war er! Ein heiteres Sonnenlicht küßte seine breite, schleppende, lichtgrüne Flut. Langsam ziehend und lautlos glitt Welle auf Welle am Brückenkopf vorbei.
Mit lautem Jauchzen stürmte Josefine voran; es machte ihr ein unsägliches Vergnügen, die Planken der langen Schiffbrücke unter ihren Füßen leis schwanken zu fühlen und durch die Ritzen das Wasser unter sich strömen zu sehen. Sie rannte dahin, als hätte der Rheinduft sie berauscht, dieser köstliche Geruch nach Tang und Teer und durchfeuchtetem Holz. Den Kopf zurückgeworfen, die Flügel der kleinen Stumpfnase gebläht, die Arme ausgebreitet, lief sie dem Rheinwind entgegen, helle Glücksschreie ausstoßend. Und der Wind pustete sie an, daß ihre Bäckchen leuchtender strahlten in einem warmen, weichen Rot.
Auch Frau Trinas Gesicht war heiter geworden; jetzt war man drüben, und der Blick zurück auf die Stadtseite war gar zu schön. Weiß zeigten sich die Häuser an der Werft, in ihren Fenstern blitzte der Sonnenglanz und machte sie zu blendenden Spiegeln; stolz ragten dahinter die Türme der Kirchen, und mächtig und klotzig erhob sich das alte Schloß. Seine rötlichen Mauern standen hart am lichtgrünen Strom, mit vielen Fensteraugen blickte es rheinauf und rheinab.
Stolz wies die Düsseldorferin hinüber. »Kuck ens, Rinke!« Er meinte zwar, die Spree gäbe dem Rhein an Breite nicht viel nach, auch könne sich der alte Rumpelkasten da mit dem Königsschloß zu Berlin nicht messen; aber er betonte heut doch nicht mit gleicher Schärfe, wie sonst bei jeder Gelegenheit, sein Preußentum. Sein Hauptinteresse war bei Josefine.
Gleich einem Vogel auf eiligem Flug durchflatterte sie das satte Grün der Wiesen. »Krieg’ mich, krieg’ mich!« Oft verschwand sie ganz im fetten Gras, um dann plötzlich aufzutauchen mit dem schrillen, zwitschernden Schrei der Schwalbe, die den Äther durchschießt. Langgestielter, blauer Salbei, goldäugige, weiße Sternblumen, brennend roter Mohn nickten um sie. Mit beiden Händen griff sie hinein in die Blütenpracht, in ausgelassener Lust raufte sie aus, und, sich hintenüber in’s Gras werfend, goß sie all ihre Blumen wie einen Sommerregen über sich.
Der kleine Wilhelm hatte sich längst zu dem Rock der Mutter geflüchtet, er hing sich an und zockelte so nach. Vergebens ermunterte ihn der Vater, der Schwester zu folgen, nur fester klammerte er sich an die Falte; als der Vater ihm die Finger lösen wollte, erhub er ein jämmerlich Geschrei.
Da begann die Mutter, den Arm ihres Mannes fahren lassend, auf die wilde Josefine zu schelten. »Kömmste hiehin! Wie siehste nu als wieder aus? Du Blage! Lauter Jraßflecken!« Sie hob die Hand zum Schlag. »Wat machste dann?«