Glühend vom Tollen, bebend vor Atemlosigkeit, sah Josefine der Mutter in’s Gesicht. »Ich freu’ mich,« sagte sie und nahm den Schlag hin, ohne mit der Wimper zu zucken; doch dann senkte sie tief den Kopf, weh gethan hatte ihr die Ohrfeige nicht, aber sie schämte sich.
Der Feldwebel biß sich auf die Lippen; er ärgerte sich über seine Frau. Aber: famoses Mädel, die Josefine, wie sie dastand und sich das Weinen verkniff und den Kopf hängen ließ, daß man ihr nicht in’s Gesicht sehen sollte! Die hatte Ehrgefühl, Gott sei Dank! Die Ehre, die Ehre, nicht früh genug hält man die hoch. Ja, seine Tochter – die war Blut von seinem Blut! Ein mißbilligender Blick traf den noch immer heulenden Wilhelm.
Als Rinke über ein Weilchen nach Josefine umschaute – er mußte doch sehen, ob sie noch immer trauerte – da sah er hinter einem Busch zwei langbehoste, kleine Beine in der Luft zappeln. Josefine schlug Purzelbäume.
Der Spaziergang auf die ›andre Seite‹ war für den Feldwebel immer der Anlaß zu allerhand militärischen Betrachtungen: hier hatten einst die Soldaten des General Bernadotte den Freiheitsbaum mit der Jakobinermütze aufgepflanzt und von dem Rasenwall aus die Stadt Düsseldorf beschossen. Jetzt standen freilich harmlose Brettertische und Bänke an gleicher Stelle, und zwischen zwei starken Weidenbäumen quietschte eine Schaukel.
Es war Friede, stiller, eintöniger, schläfriger Friede. Der Feldwebel sagte sich nicht ohne Bitterkeit: er war ein Jahrzehnt zu spät auf die Welt gekommen; die großen Befreiungskämpfe waren ohne ihn ausgefochten, ihm war es wohl nur beschieden, in der Kaserne zu hocken und statt des Pulverdampfes den Staub des Exerzierplatzes zu schlucken.
Heut waren alle Tische und Bänke vor dem bäuerlichen Wirtshaus besetzt, selbst die im verstecktesten Eckchen; nur ein schöner Tisch, so recht am besten Platz, war merkwürdigerweise noch frei.
Mit schwenkendem Rock und frohem Lachen stapelte Frau Trina darauf los, die Ihren durch lauten Zuruf ermunternd, doch ja recht rasch Besitz zu ergreifen. Die Kinder erkletterten denn auch schon die Bank, als der Feldwebel in peinlicher Überraschung stutzte. Donnerwetter, da am Nebentisch, ganz dicht, saß ja sein Hauptmann, der Herr von Clermont, den erkannte er schon vom Rücken! Rinke hielt seine Frau zurück und winkte den Kindern, aber Trina sagte ziemlich laut: »No, wat dann?! Dadrum sollen wir uns nit dahin setzen?!« Sie ärgerte sich über die Devotion ihres Mannes. »Wenn de zu vornehm is, da braucht de ja nit derhinzujehn, wo die Bürjer jehn. Ich setz’ mich!«
In diesem Augenblick wendete sich der Hauptmann herum, und der Feldwebel stand stramm. Herr von Clermont winkte ab und machte dann seine Frau lächelnd auf die kleine Josefine aufmerksam, die auf den Wink ihres Vaters von der Bank herabgeglitten war und nun, den Finger an den Lippen, halb scheu, halb dreist den ihr bekannten Vorgesetzten anstarrte.
Inzwischen hatte Frau Trina Platz genommen; nicht ohne Absicht sprach sie recht hörbar und lachte ungeniert, keiner der Umsitzenden sollte denken, daß sie sich wegen des Vorgesetzten ihres Mannes auch nur die geringste Gêne anthat. Das Kindermädchen mußte ihr sogar den Kleinsten reichen, und sie legte ihm eine frische Windel unter.
Rinke war wütend auf seine Frau; aber sie schien seine stumm-beredten Blicke nicht zu bemerken, fröhlich nickte sie ein paar Bekannten zu: »Tag zusammen!« und schöpfte mit Geklapper und Ausrufen des Entzückens die dicke Milch aus der irdenen Schüssel.