Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten.
Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf umrissen.
Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise wieder hinabschleichen wollte.
»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde er, je nach dem, was der Onkel sagte.
Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs: »So sag’ doch ens wat!«
Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an.
Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm, bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’ und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!« Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!«
Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz weg. Der arme Jung’!
Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen, ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf! Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er? Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht.
Horch, jetzt murmelte er!