›Herrraus –‹ wie aus einem Traum erwachend, aufgeschreckt, mit starren Augen sah Josefine in’s Dunkel. Das war ihr durch Mark und Bein gegangen. Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und die Feldwebelwohnung und den Vater und die Mutter. Lang und stramm der Vater, fest eingeknöpft in seine preußische Montur: ›Maulhalten, parieren, wird nicht gemuckt!‹ Aber die Mutter legte sich auf’s parlamentieren, auf’s bitten und betteln: ›Die armen Jüngeskes, die wollten doch auch ihr Pläsier haben!‹

Unwillkürlich lockerten sich Josefines Arme, mit denen sie ihren Sohn so zärtlich an’s Herz gedrückt. Ach, wer das doch könnte, nicht zu streng und nicht zu schwach sein! Sie stand vom Bettrand auf und reckte sich gerade.

»Peterken,« sagte sie – ihre Stimme wankte noch, aber sie wurde nach und nach fest – »ich kann dir nit helfen, du mußt jehorchen. Hör’ auf den Onkel Friederich! Siehste, de kömmt voran. Werd’ kein Maler! Et is ja schön, aber« – sie zögerte und seufzte – »aber ich bin doch e so bang, da wirste bummelig. Un wenn du nit so ’n jroß Talent hast, wie de Achenbachs oder wie de Knaus, dann sitzte da. Un du sollst doch deinem Bruder bald en Stütz’ sein, un wenn ich alt bin –«

»Och, Mutter,« nun lachte der Peter hell heraus, »sag doch jleich: ›Wenn ich mit’m Kopp wackel‹!« Er hatte schnell seinen Kummer vergessen und war jetzt wie außer Rand und Band. Sich in die Höhe schnellend, faßte er ihr heißes Gesicht zwischen seine Hände und lachte: »Mutter, du un alt?! Och, Mutter, ne, wenn mer sich dat vorstellt – zum Kobolzschießen! Ha, ha, du wirst nie alt, du bleibst immer jung!«

»Och Jott,« seufzte sie, seltsam durchschauert, und reckte die vollen Arme empor. »Früher, da hat et mich immer jejruselt vor’m altwerden, jetz nit mehr e so arg. Aber Freud’ möcht’ ich vorher noch haben, so lang’ ich se recht jenießen kann, viel Freud’ – an dir, mein Jung’!« Sie lächelte. »Peter, thu et mir doch zulieb, hör’ auf den Onkel Friederich un –«

»Hör’ auf, Mutter,« sagte er, plötzlich zusammenzuckend, unangenehm berührt, und vergrub den Kopf in sein Kissen. »So – so hör’ ich nix, ich hör’ jar nix mehr. Aber dat sag’ ich dir, wann ich dann durchaus nit Maler werden soll, in de Fabrick jeh’ ich nit. Denkt euch meinswejen wat anderes aus. Ich jeh’ nit in de Fabrick – ich kann nit!« Die letzten Worte kamen nur noch stoßweise heraus. Er weinte.

Tief betrübt schlich Josefine fort. Da fühlte sie sich am Rock gezupft. Am Bett ihres Jüngsten war sie vorübergestreift. Nun hielten die kräftigen Kinderarme sie fest.

»Ich schlaf’ nit,« flüsterte die noch zarte Knabenstimme. »Mutter, thu ens deinen Kopf ’erunter, dat ich dir wat im Öhrken sagen kann. So – du wirst doch alt, wenn de Peter auch sagt, du bleibst immer jung; dat denkt de sich nur all so aus. Alle Leut’ werden alt.« Er stand im Bett auf, steckte den Kopf unter ihrer Achsel durch und zog sich ihren Arm über die Schultern. So ruhte sie auf ihm mit ihrer ganzen Schwere. »Fühlst de’t nu, ich bin stark,« sagte er. »Un wann de mit dem Kopf wackelst, un en janz alt Mütterken bist, dann führ’ ich dich immer so – jelt?«

Sie nickte stumm, und dann strich sie dem Kind über den Kopf.

»Ja, du, du klein Stümpken! Nu leg’ dich!«